5. Etappe

Liebe RadsportfreundInnen,

hier mein Bericht von der heutigen 5. Etappe des Giro delle Dolomiti:

Meine gestern abend plötzlich registrierten kleinen Knieprobleme sind wieder weg. Gott sei Dank! Überhaupt fühle ich mich gut, besser als beim Giro delle Dolomit 2011. Habe eigentlich keinerlei Probleme – und fühle mich noch ziemlich fit. Bei Stephan und Johannes scheint es ähnlich zu sein, nur Markus wird doch von Tag zu Tag etwas müder.

Heute hat Markus Geburtstag. Schön, dass wir den Tag mit ihm verbringen dürfen.

Als ich am Morgen kurz durch das Messegelände fahre, klatscht mich Gianni Motta (den ich im Jugendalter oft bei Tour und Giro am Bildschirm verfolgt habe) ab – obwohl wir uns noch nicht wirklich kennen.

Kurz nach dem Start rufen mich die beiden Jungs aus den USA, die mich am Ruhetag auf dem Anstieg zum Mendelpass so freunlich und wertschätzend „verfolgt“ haben: jetzt erst begreife ich, dass sie hier auch mitradeln! Sie sind für den Giro extra aus Miami angereist!

Überhaupt tauche ich wieder in etliche Gespräche mit anderen Teilnehmenden ein. Einige kannte ich schon zuvor. Schön, wenn sie mir erzählen, was sie bewegt und was sich seit unserem letzten Treffen verändert hat.

Schon auf dem Weg zum Start treffe ich jeden Morgen etliche Giro-Teilnehmende, heute u.a. auch Thomas Janz, der auch bei uns im Team startet. Da die heutige Zeitfahrstrecke zwar 18,6 km lang, auf den ersten 12 km aber weitgehend flach ist, unterhalten wir uns, welche Taktik am sinnvollsten sein könnte. Thomas hat die Idee, dass wir vielleicht erst 1 min. nach der Spitze über die untere Zeitfahrmatte fahren könnten, dann aber in einer Art Mannschaftszeitfahren die ersten 12 km gemeinsam zurück legen könnten. Wenn alles gut klappen würde, wären wir so schneller als die Spitzengruppe, was uns helfen könnte, heute eine gute Etappe zu fahren.Ich finde die Idee interessant. Mir gefällt schon allein, dass es mal was ganz Anderes wäre. Und mehr als schief gehen kann es ja nicht. Ich erzähle Johannes, Markus und Stephan von der Idee – sie sind nicht abgeneigt. Wir beschließen, dass wir den Rennverlauf abwarten und uns dann einige km vor dem Start des Zeitfahrens absprechen wollen.

Wir fahren auf der Ostseite des Etschtals bis Postal/Burgstall. Die Strecke liegt im Schatten und es ist noch sehr frisch (13 Grad). Als wir die Talseite nach Lana hin wechseln, wärmt uns die Sonne. Der insgesamt 35km lange Anstieg von Lana durch das Ultental bis zum Talschluss am Weißbrunner See beginnt. Wie viele Andere lege ich oberhalb von Lana eine Pinkelpause ein. Merke dabei, dass ich eigentlich ein größeres Geschäft machen müsste. Also tue ich es auch, das dauert aber. So gehe ich mit einigen min. Verspätung auf die Spitze auf die verbleibenden km bis zum Start des Bergzeitfahrens. Das komplette Feld ist schon durch, ich muss sogar alle Begleitautos überholen. Und dann viele, viele RadfahrerInnen. Aber ich bin flott unterwegs, fühle mich gut. Irgendwann hole ich Thomas Janz ein. Nun müssen wir bald entscheiden, ob wir unsere spezielle Taktik anwenden wollen oder nicht. Wir sind etwas unentschlossen. Auch diejenigen, die wir anfragen, äußern sich meist nicht klar. Nach langemn Hin und Her entschließen wir uns, dass wir es nun versuchen wollen. Wir sprechen nun potentiell Verbündete an. Von unserem Team „Gutes Leben. Für alle!“ sind neben Thomas und mir noch Markus und Johannes mit von der Partie. Dazu rund ein Dutzend weitere RadlerInnen. Wir lassen uns aus der noch knapp 100köpfigen Kopfgruppe langsam zurück fallen. Wir nähern uns Santa Valburga, wo das Bergzeitfahren starten wird.

Die Zeitfahrstrecke ist 18,6 km lang und hat nur 754 Hm. Diese sind hauptsächlich auf die letzten 6km verteilt.

Als wir den Start sehen, können wir die Kopfgruppe nicht mehr erkennen. Wir wissen daher nicht, wie groß deren Vorsprung auf uns ist. Egal: wir werden nun unser eigenes Rennen fahren. Es geht los. Wie im Mannschaftszeitfahren fahren wir über die Zeitfahrmatte. Die ersten Fahrer legen ein gutes Tempo vor. Mir macht die Aktion schon jetzt Freude. Als ich im Wind fahre, ist es anstregend. Aber danach kann ich gleich wieder in den Windschatten gehen und mich erholen. Unsere Gruppe läuft gut. Ich glaube nicht, dass die Kopfgruppe schneller angegangen ist. Unser Plan könnte aufgehen. Bald aber werden einige in unserer Gruppe müde, können sich nicht mehr an der Tempoarbeit beteiligen oder fahren gar an der Spitze so langsam, dass das Tempo unserer Gruppe deutlich reduziert wird. Durch das Eingreifen von fitteren Fahrern (in dem sie die Führung übernehmen) kann dieses Manko zunächst noch kaschiert werden. Aber nach rund 15 min. Fahrzeit zerfällt unsere Gruppe zusehends. Dies liegt wohl auch daran, dass die Steigung nun leicht anzieht und die Leistungsunterschiede nun deutlicher zutage treten. Ich merke, dass ich nun fortfahren muss, wenn ich eine Chance haben will, die heutige Etappe zu gewinnen. So fahre ich flott weiter. Bald darauf erreiche ich ohnehin St. Gertraud. Ab hier steigt es nun beträchtlich. In der ersten Kehre erkenne ich, dass Johannes noch nicht weit von mir entfernt ist. Bald kann ich auch erste Zurückgefallene aus der Kopfgruppe ein- und überholen. Im langen steilen Anstieg im Hang erkenne ich sogar große Teile der noch vor mir Liegenden. Die ersten sind vielleicht noch eineinhalb min. vor mir. Zwei scheinen vorne weg gefahren zu sein, das könnten Stefan Unterthurner (der als Tagesgast dabei ist) und der Sieger von gestern, Thomas Gschnitzer, sein. Ich überhole immer mehr. Auf der nun enger werdenden Straße nicht immer ganz einfach, aber alle fahren sehr fair und lassen mich überholen. Manche feuern mich sogar an. Ich überhole immer Bessere, bald auch Alos Vigl. Es geht auf den letzten km, noch immer kann ich die Spitze nicht wirklich erkennen. Ich fahre mein eigenes Rennen. Aber das macht mir Spaß. Nach 40:03 min. komme ich ins Ziel. Der mir inzwischen vertraute Reporter von „Alto Adige“ hat unser taktisches Spiel schon mitbekommen. Er fragt mich, ob ich heute wieder gewonnen habe. Ich weiß es nicht. Zumal die meisten Radfahrer, die weit vorne plaziert waren, mir ihre Zeit nicht sagen können – obwohl die Meisten eine Art PC am Rad haben. Aber entweder haben sie oben oder unten vergessen, auf die Taste zu drücken. Ich mit meiner Armbanduhr weiß immer gleich, welche Zeit ich gefahren bin. Irgendwann gibt es aber erste Hochrechnungen, dass auch die beiden heute Erstplazierten (Stefan U. hat offenbar in einem Sprintentscheid Thomas G. hinter sich gelassen) eine „niedrige 40er-Zeit“ gefahren sein könnten. Und da es hier oben keinen Empfang gibt, kann auch niemand die Ergebnisse über ein Smartphones abrufen. Es bleibt spannend.

Wieder suchen etliche Leute die Kommunikation mit mir, die Mittagsrast wird so wieder abwechselungsreich.

Auf dem Rückweg lege ich mit Stephan noch einen kleinen Umweg ein, von S. Valburga über S. Helena nach S. Pankrazio. Diese Straße sind mein Vater und ich bei einem einwöchigen Urlaub vor 24 Jahren fast täglich gefahren – ich erinnere mich nun daran. Kurz vor Bozen gratuliert mir ein Radfahrer zum heutigen Etappensieg: und tatsächlich war ich knapp 20 sec. schneller als Unterthurner und Gschnitzer! Unsere Taktik ist super aufgegangen! Ein bisschen ist das auch ein Teamerfolg! Auch Johannes konnte durch diese Taktik Tageszehnter (er hat sich heute auch gut gefühlt) werden und so seinen Platz unter den Top 10 im Gesamtklassement halten. Thomas musste ebenso wie Markus unserem hohen Anfangstempo Tribut zollen. Stefan und Nico mussten weitgehend alleine die Strecke fahren.

Markus besorgt noch einen Geburstatgskuchen. Kaum haben wir den in unserer Fewo gegessen, kommt unsere Vermieterin zu uns: ein Reporter vom Radiosender „Südtirol 1“ möchte mich sprechen. Er kommt bald darauf tatsächlich in unsere Fewo. Ein angenehmes Interview. Mir scheint, dass unser Plan, mit der Teilnahme am Giro delle Dolomiti auf die Anliegen unserer Kampagne www.gutesleben-fueralle.de aufmerksam zu machen, gut aufgegangen ist.

Alle Ergebnisse von heute und den Zwischenstand nach der 5. Etappe gibt es auf www.girodolomiti.com

Seid herzlich gegrüßt,

Christoph