Bergrennen Bormio – Passo Stelvio (Stilfserjoch)

Früh zum Start. Startnummernabholung und Gepäckabgabe sind für mich mit meinen fehlenden italienischen Sprachkenntnissen nicht ganz einfach, klappen letztlich aber doch gut. Kann noch warm fahren. Das Wetter ist super: Sonne satt, schon recht warm (wohl knapp unter 20 Grad im Tal, oben dann wohl auch ca. 10 Grad) und kein Wind.

Schon vor einer Stunde sind die SkirollerfahrerInnen auf die Strecke gegangen, vor einer halben Stunde die Läuferinnen, vor 15 min. die Radfahrerinnen. Nun sind die Radfahrer dran, über 600. Bin heute früher als sonst am Start (falls wieder früher gestartet wird…). Alle warten auch schon. Ich erkennen Einige, u.a. den Vinschgauer Oswald Weisenhorn und Christian Pinton. Andere grüßen mich. Der Moderator interviewt einige in der ersten Reihe Stehenden, u.a. auch mich, kurz. Gute Stimmung, auch etliche Zuschauende.

Dann geht es los. Einige machen gleich richtig Tempo. Noch am Ortsausgang Bormio bildet sich eine rund 20-köpfige Spitzengruppe, ich mittendrin. Erst nach 7 min. wird es mir zu langsam, ich übernehme die Führung. Fühle mich gut. Denke kurz an meine Thrombose vor wenigen Wochen – und wie ich dachte, all diese Saisonhöhepunkte trotz meiner super Vorbereitung in diesem Jahr ausfallen lassen zu müssen. Umso dankbarer bin ich, dass ich nun mittendrin mit dabei sein darf. Meine erste persönliche Zeitnahme in Bagni Vecchi ist sehr erfreulich: ich bin wenige Sekunden schneller als ich mir vorgenommen hatte (10:08 anstatt 10:15 min.). Zu meiner Überraschung überholt mich bald schon einer aus unserer inzwischen schon auf rund 10 Mann geschrumpften Kopfgruppe. Er macht ein gutes Tempo. Bald darauf gibt er ein Zeichen, dass nun wieder ein Anderer die Führung übernehmen soll – das mache ich gerne. Ein rund ein km langes Flachstück folgt. Als es dann wieder in den Berg geht, sind wir nun noch zu Dritt vorne. Derjenige, der nun schon öfters in Führung lag und immer wieder als „Nikki“ angefeuert wird (das muss wohl Nikki Guissani sein, von dem ich weiß, dass er 2011 Berg-Weltmeister am Monte Bondone wurde und auch sonst oft ganz vorne bei den Bergrennen in Italien ist), meine Wenigkeit und ein Dritter, der bisher ganz unauffällig gefahren ist.

Nun kommen einige Tunnel, aber jeweils maximal 250 m lang. Am Ende dieser Tunnel übernehme ich von Nikki mal wieder die Führung und gebe ziemlich Gas. Dann kommt die steilste Passage: kurz 14 Prozent. Nikki und ich fahren nebeneinander. Unser dritter Mann verliert den Kontakt zu uns. Es folgen 14 Kehren in direkter Abfolge. Der Blick den Hang hinauf mit all diesen Kehren jagt mir ein wenig Respekt ein. Wir haben nun ungefähr die Hälfte des Rennens absolviert. Ein Podiumsplatz scheint mir sicher. Und die bald folgende nächste Zwischenzeit lässt mich auch hoffen, dass mein Ziel, unter 67 min. zu bleiben, sehr realistisch zu sein scheint: ich bin rund 40 sec. schneller als ich es an dieser Stelle avisiert hatte. Vielleicht geht es sogar unter 66 min.!? Unser dritter Mann kommt zu uns zurück. Nikki fährt ein gutes Tempo. Auch recht konstant. Er führt mehr als ich. Aber wir geben uns immer wieder Zeichen, dass der Andere mal wieder vor soll. Das klappt so gut, als würden wir in einer Mannschaft fahren. Das habe ich so noch nie im Radsport erlebt. Macht mir Spaß. Nun kommen wir in eine Art Hochtal. Wir sind bereits oberhalb der Baumgrenze. Das Tal hier ist ziemlich grün, der Himmel blau, die uns umgebenden hohen Berge schroff und grau. Tolle Landschaft. Noch 6km. Plötzlich ruft auch mal jemand „Christoph“. Es ist Linse, der mit dem Rad bis hierher vorgefahren war. Unseren dritten Mann haben wir inzwischen wohl endgültig abgeschüttelt. Nun haben wir auch das Hochtal hinter uns gelassen, es geht auf die letzten 400 Höhenmeter. Noch 5km – ja die Zeit ist gut! Eine 65er-Zeit ist drin! Nach wie vor fahren Nikki und ich einen guten Rhythmus und sehr einträchtig. Vermutlich weiß er, dass ich hinten raus nicht sprinten kann und er den Sieg sicher hat.

Wir erreichen den Umbrailpass, die Schweiz ist nur wenige Meter entfernt. Nun folgt der nochmal recht steile drittletzte Kilometer. Wie so oft überholen wir einen Läufer, diesmal fährt Nikki rechts an ihm vorbei, ich links. Bin gerade ein wenig in Gedanken, Nikki zieht wohl leicht an – und schnell bin ich wenige Meter hinter ihm. Eigentlich ist es mir egal, mein Rennen ist super gelaufen. Nun aber fahren wir beide an unserem Limit. Nikki kommt noch nicht so richtig weg, ich aber auch nicht an ihn heran. Viele feuern ihn an. Aber alle sehr fair. Obwohl sie ihn kennen, muntern sie auch mich auf. Sehr sportlich. Die letzten 2 km, die letzten 7 (der insgesamt 41) Kehren. Nikki ist wohl 5 – 10 sec. vor mir. In den Kehren schaut er immer nach mir. Wir gehen auf den letzten km, inzwischen ist klar, dass ich eine 65er Zeit fahren werde – super! Ich denke an Monika und unsere Kinder – dass sie mich auch an diesem Wochenende zu diesem Rennen haben fahren lassen. Will deshalb alles geben, denn ich werde auch zu diesem Rennen nie wieder kommen. Die Zeit, die ich jetzt fahren werde, wird meine persönliche Bestzeit bleiben. Ziehe also bis zur Ziellinie voll durch und komme mit rund 10 sec. Rückstand auf Nikki mit ca. 65:16 sec. ins Ziel – klasse Rennen! Hoch zufrieden. Auch der Moderator ist typisch italienisch begeistert.

Ich ziehe mich aber schnell nach ein paar Fotos zurück. Gibt nun ein richtiges Mittagessen: Pasta und Obst munden mir. Spreche mit einigen Bekannten. Linse trifft mich dann schon. Leider geht es ihm heute nicht ganz so gut, daher wird er wieder nach Bormio retour fahren. Ich fahre auf der Ostrampe nach Prad ab und fahre von dort noch einmal 1851 Höhenmeter bei hohen Temperaturen hinauf zum Stelvio. Als ich wieder oben bin, kommt gerade der Letzte des Tages ins Ziel. Fahre ab nach Bormio und gehe mit Linse zur Siegerehrung. Geht erfreulich schnell. Neben den üblichen Essenskörben bekomme ich noch einen guten Radhelm – über den ich mich freue, da ich bisher nur eine Dauerleihgabe meines Radfreundes Christian Englert nutzen konnte (diese Dauerleihgabe kann ich nun zurück geben) – und noch 300 €.

Das Beste aber ist, dass ich erfahre, dass die ersten 800 m gar nicht gewertet werden (was ich von 2012 noch hätte wissen müssen; zudem wären es ja so auch 21,9km und nicht ein Halbmarathon), so dass meine Zeit noch einmal rund eineinhalb min. schneller war! Ich bin die selbst in meinen kühnsten Träumen nicht für möglich gehaltene Zeit von 63:48 min. gefahren! Vermutlich war das mein bestes Rennen, das ich im Hochgebirge je gefahren bin – genial! Was fahre ich für eine Saison! Mit 44! Für mich selbst unglaublich! Genieße es still tief in mir drin. Und bin dankbar, sehr dankbar.

Fahre mit Linse noch bis Lana, von dort (wegen aufziehendem Gewitter) mit dem Bus zu meiner heutigen Übernachtung in San Walburga (Ultental).

Morgen vormittag treffe ich Johannes Höfler, der heute beim Engadin-Radmarathon gestartet ist. Wir werden dann morgen und am Dienstag früh alle zu wertenden Anstiege des www.girogolomiti.com abfahren.

Die Ergenbisse vom Bergrennen gibt es auf www.usbormiese.com 

Kommeden Samstag findet in Karlsruhe das Turmbergrennen statt. Ich kann allen aus der Region empfehlen, dort zu starten: www.turmbergrennen.de – ich selbst weiß (rein Termingründen) noch nicht, ob ich auch dort starte.

Wen es interessiert: bin am Sonntag, 19.7., 11 – 12:30 Uhr als Gast von Moderator Günter Werner in Landau/Pfalz (Konzertmuschel im Goethepark) zum Thema „Abenteuer Leben“ im Rahmen der traditionellen Veranstaltungsreihe „Parkplauderei“.

Vom 25.7.-1.8. findet dann mein (letzter) Saisonhöhepunkt 2015 statt: www.girodolomiti.com : dort werden wir mit einem Team von www.gutesleben-fueralle.de starten

Seid herzlich aus Südtirol/Alto Adige gegrüßt,

Christoph