Bergrennen Oberursel – Feldberg (Taunus)

Liebe RadsportfreundInnen,

eine Woche nach dem Giro delle Dolomiti fuhren wir für 2 Wochen als Familie in den Urlaub, eine Woche in den Südwesten der Schweiz (Yverdon-les-Bains sowie einen Tag in Genf – u.a. Besuch bei den Vereinten Nationen) sowie eine Woche nach Aix-les-Bains (zwischen Jura und Voralpen). Durfte viele neue Pässe erkunden. Meine radsportliche Form blieb gut bzw. wurde gar noch etwas besser. So konnte ich letzten Mittwoch an der Kalmit (200 – 600 m) voll aus dem Training heraus 14:28 min. fahren (entspricht einer Stoppomatzeit von 16 1/4).

Gestern fand nun zum zweiten Mal das „Bergfest“ statt, ein Radbergrennen von Oberursel auf den höchsten Berg im Taunus, den Großen Feldberg. Die Strecke ist 11,8 km lang und weist bei relativ gleichmäßiger Steigung (tendentiell ist es unten flacher und wird oben steiler) einen Höhenunterschied von 550 m auf. Der Modus ist untypisch: die knapp 400 StarterInnen werden auf Startgruppen von jeweils 25 FahrerInnen aufgeteilt. Diese Gruppen starten im Abstand von 5 min. und fahren so ihr jeweils eigenes Rennen. In der Gesamtwertung allerdings wird schlicht die schnellste Zeit des Tages gewertet. Von daher ist das Rennen auch ein bisschen Lotterie, denn es ist ein Unterschied, ob ich mich in der Führung mit Anderen abwechseln kann oder immer alleine fahren muss. Der Veranstalter selbst ist untyisch für die Radsportszene, die er versucht mit ungewöhnlichen Formaten und einem bestimmten Weltbild aufzumischen (www.rad-race-com).

Seit Freitag abend war Pascal bei uns zuhause. Wir hatten uns beim diesjährigen Mont-Ventoux-Rennen kennen gelernt. Da er eine deutsche Mutter hat, spricht er hervorragend Deutsch, obwohl er es im Alltag (am Mittelmeer lebend) nie spricht. Da Pascal und ich in einer Startgruppe starten, vereinbaren wir, dass wir – solange es geht – uns in der Führungsarbeit abwechseln wollen, um eine möglichst schnelle Zeit erzielen zu können.

Bei der Anreise lasse ich (in Gedanken wohl ganz bei meiner Lektüre) in der S-Bahn meinen Radhelm liegen. Vor Ort berichte ich dies dem Veranstalter, der mich ohne Helm nicht starten lassen darf. Der Veranstalter macht einen Ausruf, ob jemand einen zweiten Helm dabei hat. Ein gewisser „Olsen“ bringt mir nur wenige Sekunden danach einen. Er passt sogar halbwegs. Pascal und ich fahren die Strecke zum Test mal ab, ich in knapp 31 min. Uns fällt auf der Abfahrt das hohe Verkehrsaufkommen auf. Der Verkehr auf dieser Ausflugsstraße läuft ganz normal weiter. Es ist warm und sonnig.

Um 11:05 Uhr startet Pascals und meine Gruppe. Einer fährt in hohem Tempo los, auch ein Zweiter noch überraschend schnell, danach Pascal und ich. Bald macht Pascal Tempo, ich bleibe an seinem Hinterrad, bevor ich ihn in der Führungsarbeit abwechle. Dem Führenden unserer Gruppe nähern wir uns dann doch recht flott. Nachdem wir ihn überholen, hängt er sich aber an unseren kleinen Zug an. Wir sind so nach 2 km noch zu Viert. Als es dann aber zum ersten Mal steiler wird, bleiben nur noch Pascal und ich übrig. Subjekt muss sich Pascal für unser Tempo mehr anstrengen als ich, bald bleibe ich auch länger in Führung. Wenn Pascal vorne fährt, kommt mir das im Windschatten gar nicht wie ein Rennen vor, sondern ziemlich relaxt. Pascal fährt sehr ruhig und gleichmäßig, wunderbar um am Hinterrad fahren zu können. Wir spulen nun unser Programm ab. Der Verkehr beeinträchtigt uns kaum, ebenso wenig die zu überholenden anderen RadfahrerInnen. Rund 3km vor dem Ziel lässt Pascal mein Hinterrad reißen. Irgendwie eine komische Situation: einerseits sind wir ein Team (und es hat mir wirklich Freude gemacht, mit Pascal im Zweierteam dieses Rennen zu fahren), andererseits geht es nun eventuell um den Tagessieg. Da ich unterwegs mehr geführt habe und wohl einen Tick stärker war, würde ich auch gerne gewinnen. Deshalb überlege ich nun auch nicht lange, ob ich einen Tritt langsamer fahre, sondern ziehe mein Tempo durch. Kurz vor dem Abzweig zur finalen Stichstraße zum Großen Feldberg schaue ich mich sogar um und sehe, dass Pascal vielleicht rund/gut 5sec. hinter mir liegt. Er fährt stark. Und treibt mich insofern an. Zudem will ich das Tempo auch hoch halten, um für potentielle weitere Siegkandidaten aus den noch folgenden Startgruppen eine möglichst gute Zeit vorzulegen. Der Abstand zwischen Pascal und mir bleibt in etwa gleich, ich komme mit 26:03 min. ins Ziel. Nun müssen wir warten, wie schnell die anderen Startgruppen waren bzw. noch sein werden. Cosmas Lang, der in etwa gleich schnell wie ich ist, war heute wohl gut eineinhalb min. langsamer. Er war gestern aber auch bei der Südwestdeutschen Bergemeisterschaft in Homburg gestartet und musste heute fast von Beginn an alleine fahren. Wir fahren ab – und warten lange auf die Siegerehrung (und auf die Ergebnisse). In der Zwischenzeit essen und trinken wir Einiges. Interessanter sind aber Gespräche mit VertreterInnen von zwei Initiativen und Geschäftsmodellen: zunächst treffe ich die beiden Hauptamtlichen (und etliche Engagierte aus dem daraus angeschlossenen Netzwerk) von www.recyclistworkshop.de , die aus gebrauchten Materialien neue Produkte herstellen. Im Bereich Rad reicht das von Trikots bis zu Trinkflschen. Sie versuchen so nachhaltig als möglichst zu agieren.

Später suche ich den Kontakt zu einem größeren Team von veganen RadsportlerInnen, die zeigen wollen, dass vegane Ernährung förderlich für gute körperliche/sportliche Leistungen ist. Die Gruppe ist verbunden mit dem Internetversand www.rootsofcompassion.org/de/ueber-roc

Es folgt die Siegerehrung: tatsächlich haben Pascal und ich gewonnen. Alain Hinzen, der auch allein fahren musste, wurde mit gut 1 min. Rückstand Dritter vor Cosmas Lang. Just wir Vier radeln im Anschluss durch den Taunus nach Mainz, wo wir bei Cosmas und seiner Frau zuhause rasten und unsere Energiespeicher aufladen dürfen. Alain Hinzen lebt in der Zwischenzeit in Schifferstadt, so dass wir über die Rheinhessenstraße bis an die Weinstraße noch gemeinsam heim fahren. In der Dämmerung komme ich erschöpft zuhause an. Schaue mir noch die Ergebnisse vom Ötztal-Radmarathon an.

Mehr Infos zum gestrigen Rennen auf www.rad-race.com/frankfurt-30-08-2015/

Am kommenden Sonntag ist die Deutsche Meisterschaft am Berg „bei mir vor der Haustür“: leider nicht auf die Kalmit, sondern auf dem nur relativ flach ansteigenenden Kurs von Ramberg über die Drei Buchen (mit Abfahrt) durch das Modenbachtal hinauf zur Lollosruhe

Herzlich,

Christoph