Bozen/Bolzano – Jenesien/San Genesio

Liebe RadsportkollegInnen!

Aufgrund einer beruflich erneut sehr fordernden Woche fälle ich erst donnerstags die Entscheidung, den weiten Weg nach Bozen auf mich zu nehmen. Den Ausschlag dafür gibt, dass ein langjähriger Weggefährte (Linse Troyer) und ich mal wieder was zusammen unternehmen wollen.

So fahre ich Freitag nachmittags mit dem Zug nach Jenbach, am Abend mit dem Rad von dort nach Wattens, von dort hinauf Richtung Wattener Lizum und zu der befreundeten Familie in Lans bei Innsbruck. Bei dieser Fahrt geht mein Schalthebel kaputt. Abends angenehme Unterhaltung. Aber wieder recht spät.

In der Nacht habe ich Halsweh und Schluckbeschwerden sowie leichten Schnupfen. Fühle mich auch morgens etwas schlapp. Vormittags lassen wir mein Rad in Innsbruck wieder reparieren. Anschließend fahren wir nach Bozen/Bolzano. Immer wieder schön hier. Auch das Wetter passt sehr gut: 24 Grad und Sonnenschein. Beim Anmelden treffe ich gleich wieder ein paar Bekannte. Fahre die Strecke noch bis zur Hälfte ab (gut 5km mit rund 450 Hm). Sie gefällt mir ausgezeichnet. Angenehme Steigungswerte und tolle Ausblicke zwischendrin auf die Dolomiten und die tief unten im Kessel liegende Stadt (Bozen).

Kurz nachdem ich am Start ankomme, geht es schon los. Zunächst einen knappen Kilometer von der Talstation der alt ehrwürdigen Seibahn Bozen – Jenesien hinter dem Führungsfahrzeug leicht hinab Richtung Bozener Innenstadt. Dann der scharfe Abzweig rechts hinauf nach Jenesien/San Genesio. Kurz danach wird das laut Ausschreibung ca. 10km lange und 900 Höhenmeter hinauf führende Rennen offiziell frei gegeben. Einige wenige Fahrer überholen mich. In dem 107 köpfigen Starterfeld falle ich auf Platz 10 zurück. Es geht gleich steil zur Sache. Noch vor dem ersten km tritt der klare Favorit, der amtierende italienische Meister (und Bergweltmeister am Bondone!), Stefan Unterthurner an. Niemand kann ihm folgen. Ich verschärfe aber mein ohnehin nicht geringes Tempo, kann so den Abstand erst einmal auf max. 50 m begrenzen. An meinem Hinterrad ist noch der Sarntaler Eduard Rizzi, der in diesem Jahr lange um den Gesamtsieg beim Giro delle Dolomiti gekämpft hat. Nach gut 2km habe ich den Eindruck, dass ich Stefan U. näher komme. Eduard R. muss bei mir reissen lassen. Kurz vor km 3 hole ich Stefan U. tatsächlich ein. Die Steigung hat gerade stark nach gelassen, ich übernehme nur halbherzig die Führung. Als ich einen Tritt auslasse, merke ich aber, dass mein Kollege auch sofort das Tempo reduziert. Er will ganz offenkundig kein Tempo machen. Da ich eine schnelle Zeit fahren will, bleibt mir gar nichts Anderes übrig als weiterhin die Lokomotive zu spielen. Ich merke bereits nach weniger als 4km, dass das hohe Anfangstempo seinen Tribut von mir fordert. Dennoch versuche ich das Tempo recht hoch zu halten. Nach gut 5km komme ich zu meinem einzigen Messpunkt auf der Strecke. Ich bin mit 16:05 min. vier Minuten schneller als vorhin beim warm fahren. Das scheint mir sehr schnell zu sein. Ab hier kenne ich die Strecke aber (leider) nicht. Die Steigung ist nicht so gleichmäßig wie ich dachte. Ein wenig nervt mich auch, die ganze Zeit einen Kollegen am Hinterrad „kleben“ zu haben. Da ich schon ziemlich am Limit fahre, gehe ich auch davon aus, dass ich meinen Mitstreiter nicht mehr werde abhängen können. Zweiter werde ich sicher, denn selbst auf einer längeren Gerade sehe ich keinen Verfolger mehr. Mein Hauptziel bleibt also eine gute Zeit. Gerne würde ich unter 35 min. fahren. Philipp Götsch, der sicher beste Radrennfahrer der Ostalpen der letzten Jahre, hält auch hier einen super Streckenrekord: 33:12 min., mein Mitstreiter ist im letzten Jahr starke 34:23 min. gefahren und damit einer von nur drei Rennfahrern, die die 35min.-Marke geknackt haben.

Bald erkenne ich zum ersten Mal den Ort Jenesien. Ungefähr zur gleichen Zeit erkenne ich auf der Straße die Markierung (noch) „3km“. Das ist etwas weiter als ich dachte (dürften dann ca. 10,6km sein). An einem steileren Stück habe ich den Eindruck, dass Unterthurner sich schwer tut, mir noch zu folgen. Kann ich ihn doch noch abhängen? Aber gleichzeitig merke ich, wie auch mir das Tempo schwer fällt. So nehme ich selbst wieder etwas Tempo raus. Es ist noch zu weit, um nun voll durch zu ziehen. Wir fahren nach Jenesien hinein. Noch 2 km. 28 min. sind wir unterwegs. So müsste ich unter 35 min. bleiben, super! Es geht durch den Ort. Letzter km: knapp 31 1/2 min., die Strecke wird sogar deutlich flacher. Ich schalte hoch und gebe Gas. Nach einer Kurve baut sich dann allerdings zu meiner Überraschung noch einmal ein richtig giftiger, wohl der steilste, Anstieg der kompletten Rennstrecke vor mir auf. Mist, damit habe ich nicht mehr gerechnet. In dem Moment tritt Stefan Unterthurner an, ich versuche erst gar nicht mit zu gehen. Bei der Steigung sind vermutlich auch die 35 min. nicht mehr drin. Mein Freund Linse steht am Straßenrand, ruft mir zu, dass es „noch 300 m“ seien , rennt neben und hinter mir her und feuert mich an. 50m vor dem Ziel ginge es links ab. Ja, so ist es. Als ich abbiege, ist Unterthurner bereits (in 34:58 min.) im Ziel, welches ich nach 35:17 min. erreiche. Bin leicht enttäuscht. Obwohl ich weiß, dass ich kein schlechtes Rennen gefahren bin. Aber da war mehr drin.

Ed Rizzi kommt weit abgeschlagen nach 37:56 als Dritter vor einem Australier ins Ziel. Unterthurner gibt ein faires Interview, schildert den Rennverlauf wie er war und spricht von einem „taktischen“ Sieg. Es sei ihm manchmal nicht leicht gefallen, an meinem Hinterrad zu bleiben. Mir gelingt es nur unzureichend, meine leichte Enttäuschung beim Interview zu verbergen. Denn eigentlich war das ein tolles Rennen hier: tolle Steigung, grandioses Panorama, gute Organisation.

Fahre noch einmal die Rennstrecke, diesmal in 46 min., wobei mir noch einmal klar wird, dass ich im Rennen auf der zweiten Streckenhälfte offenbar deutlich langsamer als auf dem ersten Abschnitt war. Es ist einfach sinnvoll, die Rennstrecke schon vor dem Rennen gefahren zu sein.

Bei der Siegerehrung bekomme ich einen „Fresskorb“. Weil sich meine Kinder über viele dieser Dinge freuen, nehme ich zumindest alles Vegane in einer Tüte auf die gut 10km lange Abfahrt mit, den Rest verschenke ich. Fahre mit Linse noch bis Innsbruck, von dort allein im Nachtzug. Schnupfen, Halsweh und Schluckbeschwerden nehmen zu. Dieser Abstecher nach Bozen war angesichts der Fülle an aktuellen Terminen und Verpflichtungen einfach zu viel für mich. Sonntags bin ich bereits wieder als Wahlhelfer bei der Bundestagswahl im Einsatz. Bei dieser Arbeit fallen mir manchmal die Augen zu…

Mehr Infos zum Rennen unter www.soltnflitzer.it

Eventuell starte ich am Samstag beim letzten größeren mir bekannten Bergeinzelzeitfahren des Jahres: www.tgv-schotten.de

Herzliche Grüße,

Christoph