Granfondo San Gottardo 2014

Liebe RadsportkollegInnen,

dieses WE fand die vierte Ausgabe des Gotthard-Radmarathons statt. Bei der Erstausgabe 2011 war ich mit dabei. Das damalige Rennen musste wegen Neuschnees auf zwei Pässen kurzfristig verlegt werden. So wollte ich nochmal hin und die Originalstrecke fahren.

Es gibt drei Streckenlängen, das bedeutendste Rennen („lange Strecke“) geht über 110 km mit 3.100 Hm. Gewertet werden nur die Anstiegszeiten (Fuß des Passes bis Passhöhe) bei den drei berühmten Pässen des Gotthard, Furka und Nufenen.

26.7.

Reise mit Stefan Ischner an. Fast die ganze Zeit regnet es, z.T. sehr stark. Als wir in Airolo den Zug verlassen, hat es gerade aufgehört zu regnen. Wir holen nur 10 km weiter unsere Startunterlagen ab (ich werde noch in den ersten Startblock aufgenommen) und begeben uns dann in unsere Unterkunft, wo wir uns den Zeitfahrsieg Tony Martins bei der Tour de France anschauen. Es bleibt sehr trüb (und kühl), so dass uns Nichts mehr auf das Rad treibt.

27.7.

Die Nacht war ein bisschen unruhig, unsere Unterkunft liegt direkt an der Gotthard-Bundesstraße.
Nach dem Frühstück begeben wir uns zum Startgelände. Punkt 8 Uhr werden wir auf die Reise geschickt. Es geht gemütlich zu, weil wir noch 10km bis zur ersten Zeitnahme haben. Der Wind kommt stark von vorne (aus Norden). Es ist noch kühl und auch trüb, die Berge sind wolkenverhangen. Aber es ist trocken und die Straßen in der Zwischenzeit auch weitgehend abgetrocknet.

Nach dem Ortszentrum in Airolo beginnt die erste Zeitnahme. Mir ist das Tempo der Ersten zu langsam, ich übernehme sofort die Initiative. Einige bleiben an meinem Hinterrad, Zwei übernehmen sogar mal kurz die Führungsarbeit. Wir biegen auf die alte Passstraße („Tremola“) ab, die für die Postkutschen im 19. Jahrhundert gebaut und inzwischen zum UN-Weltkulturerbe erklärt wurde. Sie zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass sie über weite Strecke noch im ursprünglichen Zustand (Pflastersteine) ist, was aber zumindest bergauf relativ gut zu fahren ist. Die Steigung ist angenehm, fast immer zwischen 7 – 9 %. Nach 7 Rennminuten bin ich solo, die erste Verfolgergruppe verliert sukzessive. Ich nehme minimal Tempo raus und denke daran, dass ich noch zweieinhalb Pässe auf Zeit fahre. Nach knapp der Hälfte des Weges kommt die einzige Flachpassage, ich wechsle auf das große Blatt, was aufgrund des starken Gegenwindes grenzwertig ist. Bald beginnen die letzten 6km bis zur Passhöhe, die nur noch auf Pflastersteinen und über mehrere Dutzend Kehren nach oben führen. In einer dieser Kehren sehe ich, dass ein Fahrer sich aus der Verfolgergruppe gelöst hat und sich mir nähert. Er macht einen starken Eindruck. Ich habe das Gefühl, dass er mich gleich auffahren wird. Ich erkenne sein „Sky“-Trikot. Ich weiß nicht, mit welchem Abstand auf mich er über die Zeitmatte gefahren sind. Diesen Abstand bekommt er ja mir gegenüber gut geschrieben. Virtuell hat er dadurch eventuell schon die Führung übernommen. Ich erhöhe das Tempo leicht, in der Hoffnung, erst etwas später aufgefahren zu werden. 2km vor der Passhöhe ist er bis auf 5 sec. an mich heran gekommen. Dann wächst sein Rückstand aber wieder. Auf der Passhöhe (2091 m) komme ich nach 12,1 km mit 908 Hm in ca. 41:34 min. mit ca. 11 sec. Vorsprung auf den Sky-Fahrer an. Wer von uns Beiden nun schneller war, weiß ich nicht. Ich kann den Kollegen auch nicht fragen, weil er gleich weiter fährt. Ich mache nun oben erst einmal Pause und esse und trinke. Die Leute an der Verpflegungsständen sind sehr nett, das Essensangebot gut (u.a. Aprikosen, Äpfel, Nüsse; Wasser, Tee, isotonische Getränke). Ich bin sehr zufrieden mit meiner Zeit, vor drei Jahren war ich knapp 4 min. langsamer. Damals waren die Bedingungen sicher noch schlechter, aber niemals so viel, dass es diese riesige Zeitdifferenz rechtfertigen würde. Bis die nächsten ins Ziel kommen, vergehen noch über zwei min. Ich ziehe all meine mit mir geführten Klamotten an: Beinlinge, Jacke und dicke Handschuhe sowie ein zweites Paar Socken – Armlinge habe ich ohnehin an. Hier oben ist es sehr neblig, die Sicht beträgt vielleicht 30 m, so ist leider auch die wunderbare Landschaft kaum zu erkennen.

Nach einer knappen Viertelstunde Pause begebe ich mich auf die Abfahrt, auf der es sehr frisch ist – ich friere und zittere fast am ganzen Leib. Kann aber noch sicher auf der nassen Straße abfahren. In Hospental angekommen, bin ich froh, wieder radeln zu können. Meine Beine fühlen sich noch ziemlich frisch an. Nach rund 5km beginnt die zweite Zeitfahrprüfung hinauf zum Furkapass (13km mit 893 Hm). Vor der Zeitfahrmatte ziehe ich meine Winterklamotten wieder aus. Ich erkenne auch wieder einen Sky-Fahrer – ist es der von vorhin? Er startet mit gut 1 min. Vorsprung auf mich. Die Steigung ist gleich relativ stark, ich wähle eine kleine Übersetzung (34-23), um wieder gut ins Renngeschehen rein zu kommen. Ich überhole ein paar wenige Fahrer, die offenkundig kürzer als ich am Gotthard pausiert haben. Bald überhole ich auch den Sky-Fahrer. Ist das wirklich der vom Gotthard? Er macht auch keinerlei Anstalten, mich zu verfolgen. Bald kommen flachere Passagen und dann geht es auch wieder in den Nebel hinein. Ich habe das Gefühl einen guten Rythmus zu fahren, habe aber keinerlei Anhaltspunkte, ob ich auch schnell unterwegs bin. Plötzlich taucht das Schild auf, dass es noch 2 km bis zum Gipfel sind: ja, ich bin schnell unterwegs! Tatsächlich bringe ich mit 38:27 min. eine richtig gute Zeit ins Ziel auf 2436 m – im Bereich des bisherigen Streckenrekords.

Oben wieder Verpflegung und warm anziehen, dann erneut Abfahrt. Diesmal kommt es mir nicht so kalt vor. Neblig ist es allerdings wieder. Dennoch macht mir diesmal sogar die Abfahrt Spass. Einer der offiziellen Motorradfahrer fährt lange hinter mir, streckt seinen Daumen raus und ruft mir strahlend etwas wie „premio“ zu. Heißt das, dass ich führe?

Vor dem Start zur dritten Zeitnahme ist wieder ein flacherer Abschnitt, der sich gut zum erneuten warmfahren eignet. Guter Dinge gehe ich diesen Zeitfahrabschnitt an, der mit knapp 14km und 1132 Hm auf den 2478 m hohen Nufenenpass besonders anspruchsvoll ist. Auch der Nufenen ist gleich im unteren Teil recht steil, ich gehe ihn wieder mit kleiner Übersetzung an. Wieder überhole ich ein paar wenige Radfahrer. Auf den beiden Flachpassagen kann ich gut hoch schalten. Ich spüre, dass ich schon zwei Pässe flott gefahren bin, aber ich habe nicht das Gefühl, dass dies nun hier nicht noch ein drittes Mal ginge. Zum ersten Mal geht es nicht in den Nebel, was ich genieße. Weit oben kommt sogar zum ersten Mal für heute die Sonne heraus. Wie schon am Furka scheint es auch hier relativ windstill zu sein – egal in welche Richtung ich fahre, spüre ich kaum Wind. Als ich wieder das Schild „noch 2km“ sehe, weiß ich, dass ich auch am dritten Pass eine prima Zeit fahren werde. Tatsächlich bleibe ich anscheinend als erster Teilnehmer überhaupt bei dieser Veranstaltung unter der 50min-Marke, fahre 49:14 min. Damit schaffe ich es auch als Erster, alle drei Pässe in unter 2:10 h zu fahren, verbessere den Streckenrekord aller drei Pässe um knapp 3 min. Ich bin hoch zufrieden. Habe offenbar eine super Form – und habe es mir auch prima eingeteilt. Wenn jemand heute schneller gewesen sein sollte, dann hat diese Person eine super Leistung gezeigt und absolut verdient gewonnen. Eine letzte Verpflegung, ein letztes Mal alle Winterklamotten an und eine letzte Abfahrt.

Bei der Ankunft im Start- und Zielgelände auf dem ehemaligen Flughafen Ambri werde ich sofort vom Moderator begrüßt, der mir auf Deutsch erklärt, dass ich nicht nur die Gesamtbestzeit gefahren bin, sondern sogar noch alle drei Passwertungen gewonnen habe. Er will wissen, wie ich das gemacht habe.

Stefan kommt nur eine dreiviertel Stunde später ins Ziel und ist m.E. auch ein gutes Rennen gefahren. Wir essen gemeinsam zu Mittag. Stefan macht sich dann schon wieder auf den Weg, denn wir wollen noch einen guten Teil unseres Heimweges mit dem Rad zurück legen und haben eine Übernachtung rund 105km und noch einmal knapp 3000 Hm weiter gebucht.

Ich warte noch die Siegerehrung ab, werde mit Preisen überschüttet (Rahmen + Gabel; Käse + Wein und einen Gottardo-Pfastersteinmit einem Radfahrer drauf). Kann die Preise wegen unserer noch anstehenden vielen Rad-km nicht mitnehmen, der Veranstalter will es mir aber unbedingt nachsenden.

Eine Stunde nach Stefan mache ich mich dann kurz vor 16 Uhr auch auf den weiteren Weg, erklimme – nun mit Rucksack – noch einmal den Gotthard (diesmal über die Bundesstraße) und anschließend noch zum ersten Mal in meinem Leben den Klausenpaß von Altdorf aus. Ein wunderschöner Paß mit offensichtlich zumindest im oberen Teil wenig Verkehr. Noch eine halbe Abfahrt und um 21:04 Uhr komme ich – wenige min. nach Stefan, der noch auf mich wartet – pünktlich an unserer Unterkunft an (wir hatten uns für kurz nach 21 Uhr angesagt). Wir sind heute über 220 km mit rund 6000 Hm gefahren, mehr als beim Ötztaler. Die Dusche ist eine Wohltat, das alkoholfreie Bier schmeckt mir grandios.

28.7.

Frühstück gibt es erst ab 8 Uhr. Ich wache kurz nach 6 Uhr auf. So steige ich gleich wieder aufs Rad, fahre noch nach Linthal ab und fahre dann den kompletten Klausenpaß von Osten – bei plötzlich strahlendem Sonnenschein. Nach dem Frühstück fahren wir gemeinsam weiter, erklimmen bei Näfels noch auf einer Stichstraße einen „Obersee“ (als „Ersatz“ für den zuvor abzweigeneden Pragelpass, dessen Abzweigung wir offenbar verpasst haben) und fahren dann bei tollem Wetter bis Singen (nochmal rund 210km mit knapp 3000 Hm). Dort genißen wir jeweils unsere Lieblingsgtränke in vollen Zügen und begeben uns dann in den RE. Kaum sind wir im Zug, beginnen Starkregen und Gewitter, die uns bis in die Pfalz begleiten. Da haben wir riesiges Glück gehabt.

Mehr Infos (Fotos + Ergebnisse) zum Rennen unter www.granfondosangottardo.com.
Am kommenden Sonntag steht Deutschlands größtes Bergzeitfahren auf dem Programm: www.schauinslandkoenig.com

Herzliche Grüße,
Christoph