Pyrenäen – Crono Larrau

Stehe mit dem Morgengrauen auf und möchte hinauf zum Plateau de Beille. Leider beginnt es gerade wieder stark zu regnen. So beschliessen wir, direkt weiter zu fahren. Bei dem Regen bin sogar ich zeitweise um unser Auto sehr dankbar…

Der Regen hört auf. Nach einem guten Frühstück in Saint Lizier fahren wir bis Saint Marie-de Campan – dem Ort, der genau zwischen den beiden berühmten Pässen Col d`Aspin und Col du Tourmalet liegt. Aufgrund des drohnenden nächsten Regens starten mein Vater und ich direkt mit dem Rad auf den Tourmalet, Andreas will in die gleiche Richtung wandern. Erst ist es recht flach, bald aber konstant steil. Viele RadfahrerInnen sind am Berg, die Meisten kommen entgegen – Viele von Ihnen organisiert, eine dieser Touren führt die Gruppe von Hendaye am Atlantik nach Cerbere am Mittelmeer. Ab 1500 m Höhe bin ich plötzlich im starken Nebel, der so stark ist, dass ich mich im Satellitenort La Mongie verfahre. Der Ort soll hässlich sein, ich kann ihn nicht erkennen. Den Gipfel erreiche ich nach 63 min. (18,2km mit 1275 Hm). Oben reißen die Wolken auf, grandiose Blicke über ein weites Tal mit schroffen Bergen und grünen Wiesen, dazwischen Nebelfetzen, lassen mich voll Freude nach Luz-Saint-Sauveur abfahren. Da immer noch kein Regen in Sicht ist, begebe ich mich noch auf die Auffahrt nach Luz Ardiden. Bis 1400 m in Sonne, dann wieder im Nebel. Nach 50 min. (13 km mit 995 Hm) bin ich oben an der Skistation. Nach der Abfahrt finde ich ein schönes Geschäft mit Feigen und Sojamilch aus der Region. Erkennbar verschwindet die Sonne hinter immer mehr Wolken, so dass ich den Anstieg nach Süden (Gavarnie, Cirque de Gavarnie) ausfallen lasse und mich direkt über die Westrampe des Tourmalet auf den Rueckweg zu meinen beiden Reisebegleitern mache. Wie gewohnt bin ich ab 1500 m wieder im Nebel, der nun noch extremer ist (geschätzte 10 m Sichtweite!). Nach 71 min. bin ich oben (1400 Hm) erreiche erneut die Passhöhe, auf der Manches fast schon museal wirkt: eine Gedenkstätte der Tour de France, gerade auch der ersten Passüberquerer vor gut 100 Jahren (4 Pyrenäenpässe bei einer Etappenlänge von 326 km – auf Naturstrassen). Ich ziehe alles an, was ich dabei habe und begebe mich zu Fuß auf den Weg Richtung Tal. Bei dem Nebel könnte ich ohnehin nur im Schritttempo fahren. Gerade jetzt fängt es auch noch zu regnen an. Plötzlich vollkommen überraschend ein heftigter Donnerschlag. Nur eine Sekunde später sitze ich auf cdem Rad und sause bergab. Gott sei Dank ist die Sicht nun etwas besser. Nur schnell nach La Mongie. Glücklich und sehr nass erreiche ich das erste Cafe. Zittere am ganzen Leib. Ein Heißgetränk gibt mir wieder etwas Wärme. Nachdem das Gewitter überstanden zu sein scheint, begebe ich mich wieder weiter auf den Heimweg. Der Nebel ist wieder extrem dicht. So steht plötzlich ein (echter, tierischer!) Esel neben mir, ich konnte ihn vorher nicht erkennen. Autos immerhin höre ich vorher. Mehrfach versuche ich die Insassen zu bitten, mich mit ins Tal zu nehmen. Keine Person in irgend einem Auto lässt sich erweichen, alle fahren ohne Gruß einfach weiter… Nach rund 10 km Fußmarsch lichtet sich der Nebel, ich kann aufs Rad. Herrlich! Unten treffe ich meine beiden Mitstreiter: mein Vater kam sehr gut den Tourmalet hinauf, Andreas hatte eine schöne Wanderung in Richtung „Pic du Midi de Bigorre“ – und wir ein kleines Hotelzimmer mit einem allerdings ziemlich nervigen Wirt… Am Fuße der Passstrasse schaue ich mir noch das Denkmal des in der Region am meisten verehrten Radfahrers, Eugene Christophe, an. Ihm brach 1913 auf der Abfahrt des Tourmalet die Gabel! Daraufhin sauste er 10km zu Fuß ins Tal, bearbeitete dort eigenhändig in der Ortsschmiede seine Gabel und wurde trotz zwei Stunden Zeitverlust noch Zweiter der Tour de France (ohne diesen Fauxpass hätte er die Tour gewonnen, was ihm nie gelang). Bei einem Abendspaziergang fällt uns wie in so vielen anderen Pyrenäenorten auf, dass sie sehr verlassen wirken: die junge Generation scheint ab zu wandern. Was wird nur aus diesen Dörfern werden?