Rennen

Kurz nach 2 Uhr werde ich von einer Gruppe ein paar Appartments weiter geweckt. Liege länger wach. Schließe das Fenster und kann noch einmal einschlafen. Um 4:30 Uhr aber klingelt Martins Wecker…

Ausgiebiges Frühstück. Um 6 Uhr sitzen wir auf dem Rad, haben noch 18 km bis zum Start in Bourg d`Oisans. Eine Blechlawine wälzt sich auch dorthin. Einige radeln aber auch zum Start. Wir sind schon gut 20 min. vor dem Start vor Ort – so früh war ich noch nie am Start. Wir sind im ersten Startblock, der die ersten 500 RadlerInnen umfasst. Das haben wir Bernd Hornetz zu verdanken, der den Veranstalter gut kennt und für uns ein gutes Wort eingelegt hat. Ohne ihn hätten wir vermutlich nicht einmal starten können, denn wir hatten beide die Anmeldefrist im letzten November knapp verpasst – ich war in jenen Tagen auf dem Klimapilgerweg unterwegs. Nach meiner Rückkehr war der Marathon bereits ausgebucht.

Das Rennen ist auf 7.500 Teilnehmende limitiert. Um 7 Uhr starten die ersten 2000 Teilnehmenden, um 7:30 und 8 Uhr dann die nächsten beiden Blöcke. Es ist einigermaßen mild, so dann wir in unseren Radjacken relativ warm haben. Kurz vor dem Start berichtet die Moderation, dass heute Nacht Eis (und Geröll) auf die Straße am Galibierpass hinabging und die Strecke daher oben am Pass um rund 1 km verkürzt durch den Tunnel führt. Danach wird an einen im letzten Jahr beim Rennen aufgrund eines Unfalls verstorbenen Rennfahrer erinnert. Das geht mir unter die Haut.

Dann um 7:02 Uhr endlich Start. Zügig, aber nicht schnell. Nach wenigen Kilometern kann ich so schon ganz weit vorne fahren. Die ersten rund 13 km sind fast komplett flach. Die Unruhe im Feld ist groß, es ist ein ständiges Überholen und überholt werden. Manchmal bin ich „eingekeilt“, von allen Seiten von Radfahrern umgeben. Das verursacht durchaus so etwas wie Platzangst in mir. Ich versuche aber darauf zu vertrauen, dass diese Leute gut Rad fahren können und alles gut gehen wird. Am liebsten gehe ich aber in die erste Reihe, gerade wenn es Straßenverengungen, Kreisel oder sonstige kleine Schwierigkeiten zu meistern gilt.

Freue mich, als endlich der Anstieg zum Glandon beginnt. Geht direkt richtig bergauf. Es wird flott gefahren. Von daher bin ich überrascht, dass wir auch nach einigen km am Berg noch eine Kopfgruppe von vielleicht 100 Fahrern haben. Mir juckt es in den Waden, auch mal die Führung zu übernehmen. Da das Rennen aber noch sehr lange ist, zügele ich mich ein wenig. In Le Rivier nach knapp dem halben Anstieg zum Glandon sind wir noch knapp 50 Fahrer in der Spitzengruppe. Kleine Zwischenabfahrt: komme erst gut mit, werde dann von einem Abfahrer, der noch schlechter ist als ich, ausgebremst – und verliere den Anschluss. Kurz darauf geht es wieder steil bergan. Nach knapp 2 km habe ich die Spitzengruppe, aus der nun immer mehr Fahrer zurück fallen, wieder erreicht. 10km vor dem Gipfel übernehme ich die Führung, ohne an meine Grenzen zu gehen. Genieße schlicht das Rennen in der wunderbaren Morgensonne und der tollen Berglandschaft, die zunehmend Kargheit ausstrahlt. Ein Franzose kommt an meine Seite und fragt mich, ob dies die „famous god power“ ist. Ich schmunzele und gebe „maybe“ zur Antwort. Dann schmunzelt auch er und gibt mir zu verstehen, dass er glaubt, dass es so sei.

Wir schrauben uns in die Höhe. Ich bin sehr zufrieden mit dem bisherigen Rennverlauf. Überraschend kommt noch eine zweite Zwischenabfahrt, länger als die erste. Leider verliere ich wieder den Anschluss an die inzwischen auf rund 25 Fahrer reduzierte Führungsgruppe. Da der Anstieg nur noch 2 km bis zur Passhöhe weiter geht, versuche ich erst gar nicht mehr, die Gruppe auf zu fahren und komme wohl mit einem Rückstand von knapp einer halben Minute am Pass an. Alle vor mir fahren sofort ab. Ich aber stoppe nach der Zeitnahme. Denn vom Gipfel bis hinunter ins Tal wird die Zeit angehalten, aufgrund der offenbar schwierigen und dadurch gefährlichen Abfahrt. Ich esse und trinke einiges und fülle meine beiden Radflaschen komplett auf. Martin ist knapp 5 min. nach mir auch auf dem Pass angekommen. Alles sei auch bei ihm o.k. Nach 8 min. sitze ich wieder auf dem Rad, starte gemeinsam mit Martin auf die Abfahrt. Ohne Stress. Manchmal ist die Straße schmal, die (vielen) Kurven eng, die Straßenqualität sehr wechselhaft. Im unteren Teil ist die Straße auch noch nass. Einige Fahrer überholen mich, ich bleibe ganz entspannt. Bin dennoch froh, als wir den Talboden erreicht haben, denn auf der langen Abfahrt wurde mir recht kühl.

Die Zeitnahme läuft wieder. Ich hole sehr schnell zwei weitere Fahrer ein, wir wechseln uns in der Führungsarbeit ab. Es geht nun gut 20km weitgehend flach bis nach St. Michel-de-Maurienne. Unsere Gruppe wird noch größer, teilweise „kreiseln“ wir sogar, teilweise zerfällt die Gruppe wieder, weil die Schwächeren sich nicht mehr in die Führungsarbeit einbringen können oder wollen. Aber ich bin auch mit diesem Abschnitt zufrieden, auf dem ich nicht all zu viel Kraft gelassen und vermutlich auch nicht sehr viel Zeit verloren haben sollte.

Es geht in den Anstieg zum Col du Telegraphe: auf 11,5km werden 855 Hm überwunden. Ich spüre doch, dass ich nun schon rund zweieinhalb Stunden flott Rad gefahren bin. Es ist im Tal recht warm, die Sonneneinstrahlung intensiv. Schnell bekomme ich wieder einen brauchbaren Bergrythmus. Erkenne Martin, der gut unterwegs zu sein scheint, ich fahre ihn nur sehr langsam auf. Andere überhole ich deutlich schneller, bin nur auf der Überholspur. Versuche aber nicht zu überdrehen. Kurz vor dem Telegraphe erhalten die vorderen Radler alle ihre Verpflegung von ihren Teams. Ich dagegen habe mein Essen und eine weitere Trinkflasche hinten im Trikot (wie auch meine Armlinge und Jacke, die ich nicht mehr brauche). Bin am Telegraphe noch vor meinem Zeitplan. Kleine Abfahrt nach Valloire. Dann hinein in den Galibier, der mich auf den nächsten 17 km auf knapp 2600 m führen wird. Unten einige flachere Abschnitte. Aber auch auf diesen Abschnitten überhole ich nur, fahre nur mein eigenes Rennen. In der Sonne ist es auch auf der Höhe noch mild. Auf den letzten 8km bis zur Passhöhe noch 700 Hm. Die Luft wird dünner. Während wir weiter unten oft noch Rückenwind hatten, bläst der Wind uns hier oben nun ins Gesicht. Ich muss runter schalten. Wahrscheinlich verliere ich nun auch Druck auf dem Pedal. Macht aber Nichts, denn ich bin auch bald schon oben. Ein bisschen Schnee liegt noch hier. Der Tunnel ist erreicht, ich schaue hinauf zur Passhöhe, die wir nun leider nicht mehr erklimmen. Nicht weit vor mir ist noch ein Rennfahrer. Dieser fährt aber einen Tick schneller bergab, so dass ich ihn bald nach dem Col du Lautaret aus dem Blick verliere. Noch erstaunlicher ist, dass von hinten niemand nachkommt. Dabei wäre ich jetzt sehr froh, wenn von hinten eine Gruppe käme und wir gemeinsam gegen den Wind die lange Passage bis zum Fuß von L`Alpe d`Huez fahren könnten. Aber es kommt niemand. So fahre ich mit relativ viel Druck allein, versuche mich aber auch nicht zu übernehmen. Esse einen Haferschoko-Keks, den mir Martin mitgegeben hat. Der schmeckt gut. Davon könnte ich noch mehr gebrauchen. In La Grave ist es Mittag, die Kirchenglocken läuten den „Engel des Herrn“. Fahre durch ein paar Tunnels und bin sehr positiv überrascht, dass die Straßen heute doch weitgehend verkehrsfrei gehalten werden – bis auf die nervigen Begleitautos. Kurz vor dem Lac de Chambon rollt mich von hinten doch noch jemand auf, ein freundlicher Italiener. Wir versuchen zusammen zu fahren, leider harmonieren wir gar nicht: er ist ein super Abfahrer, ich kann ihm in den Kurven nicht folgen. Ebenso bin ich zurückhaltender, große Busse zu überholen. Wenn es umgekehrt bergan geht, kann er bei mir nicht mitfahren, selbst wenn ich mit angezogener Handbremse hinauf fahre. Scheinbar ist er total platt. Am See geht es nun über eine neue Straße, denn vor genau einem Jahr kam der gegenüberliegend Hang (auf der Nordseite) herab ins Tal und hat die ehemalige Straße (die Hauptverbindungsroute zwischen Grenoble und Biancon) verschüttet. Die neue Straße auf der anderen (Süd-)Seeseite ist wellig und wohl auch etwas länger, so dass dies wohl auch ungefähr der Zeitausgleich für den weggefallenen letzten km am Galibier sein könnte. Die letzten knapp 5km bis Bourg d`Oisans können der Italiener und ich dann aber doch gemeinsam fahren, denn die sind richtig flach. Macht uns beiden Spaß. Ich vergesse dabei aber, noch etwas zu essen. Hoffe aber, dass es auch so reichen wird. Zu trinken habe ich auch nicht mehr viel, aber es bleiben ja auch nur noch die letzten 13 km mit 1100 Hm hinauf nach L`Alpe d`Huez. Die werde ich doch auch so schaffen, oder? Es bleiben noch genau 55 min. für den Schlussanstieg, um die 6h-Schallmauer zu unterbieten. Im letzten Jahr bin ich im Bergrennen in 44 min. hinauf gefahren. Über 10 min. an Reserve, das könnte reichen. Der Italiener wird von seiner Freundin verpflegt, er hält an. So gehe ich nun alleine in den Berg. Unten im Steilstück habe ich noch recht viel Power, bin flott in La Garde. Wenn ich das Tempo halten kann, wird es gut reichen. Nun wird es flacher, es rollt. Die Sonne kommt noch einmal raus, es wird warm. Trinke meine letzte Flüssigkeit. In der Mitte des Berges scheine ich langsamer zu werden. Dennoch überhole ich immer wieder. Rechne hoch, ob es noch möglich ist, unter 6h zu bleiben. Bald kommt mir die Erkenntnis, dass ich es wohl nicht schaffe. Bin etwas enttäuscht, lasse daher auch ein wenig die Beine „hängen. „Mein „Tank“ scheint nun leer. Plötzlich überholen mich auch zum ersten Mal seit dem Glandon Radfahrer, kurz hintereinander drei Stück. Lasse sie fahren. Fahre „brav“ ins Ziel: 6:03 h. Ist gut, nicht überragend. Nur wenige Radfahrer sind schon im Ziel, habe keine Ahnung, auf welchem Platz ich gelandet bin. Bin erstmal platt. Gehe kurz auf und ab, schnaufe durch. Trinke dann in kurzer Zeit 1,5 Liter, tut gut. Ein sehr schlichtes Mittagessen gibt es auch, allerdings leider das meiste in viel Plastik eingepackt. Nehme daher nur einen Teil. Als ich fertig gegessen habe, kommt Martin ins Ziel, noch erschöpfter als ich. Er erzählt, dass er schon am Galibier einen starken Einbruch hatte, was eventuell auch an der Höhe lag. Er ärgert sich ein bisschen, dass er am Glandon ein bisschen zu schnell angefahren ist. Als er sich nach seiner Platzierung erkundigt, erfährt er, dass er noch im ersten Prozent des gesamten Feldes ins Ziel gekommen ist: Platz 69. Ich bin 16. geworden. Martin erholt sich auch schnell wieder, so dass wir nach einem kurzen, aber heftigen, Regenschauer auch noch die rund 25km nach Vaujany radeln. Am Schlussanstieg fühlen wir uns schon wieder wohler als noch zwei Stunden zuvor im Rennen hinauf nach L`Alpe d`Huez.

Duschen, essen und trinken, packen, auschecken, heimfahren (über den Glandon im starken Regen! – ab Mitte der zweiten Halbzeit begleitet uns im Autoradio auch das spannende Viertelfinalspiel Italien – Deutschland. Erst im „neutralen“ Schweizer Sender, später mit zwei aufgedrehten deutschen Reportern, die ihre Gefühle nicht verbergen können/wollen).

Martin und ich überlegen noch, wie wir hätten noch besser abschneiden können: am Anfang noch etwas mehr zurück halten, am Galibier und im Finale mehr essen und trinken – und zumindest ich bräuchte noch ein paar längere Trainingseinheiten. Ein bisschen mehr Ruhe vor dem Rennen wäre sicher auch hilfreich gewesen. Angesichts all dieser Umstände bin ich – auch als bester Deutscher – durchaus zufrieden bis sehr zufrieden, auch wenn ich mein Traumziel von unter 6h und eine Top-Ten-Platzierung knapp verpasst habe.

Wenn ich bei der Arbeit alles, was ich diese Woche erledigen muss, hinbekomme, starte ich am Samstag bei www.bergrennen-spaichingen.de, danach werde ich einige Wochen keinen Rennstart absolvieren (vermutlich erst am 14.8. beim Highlander wieder).