Rennen

Fast die ganze Nacht haben wir laute Musikbeschallung und werden beide mehrfach wach. Um 5 Uhr klingelt der Wecker. Frühstück, zusammen packen, zum Start fahren. Es ist kühl und wolkig. Ich halte mich in der Halle nahe am Start auf. Denke, dass es bei nur knapp 900 StarterInnen und vier Startblöcken nicht notwendig ist, schon früh am Start zu sein. Gehe daher erst 5 min. vor dem Start in den entsprechenden Bereich. Da dieser in der Fußgängerzone erfolgt, ist der Platz aber sehr begrenzt und der erste Startblock bereits komplett voll. Mir bleibt nichts Anderes übrig als von ganz hinten (des ersten Startblocks) zu starten. So muss ich fast eine halbe Minute nach dem Start warten, bis ich überhaupt auf das Rad steigen kann. Durch den Ort geht es nur langsam. So habe ich nach nur 1 km schon über eine Minute Rückstand. Nun geht es auf die Passtraße hinauf zum Arlberg. So kann ich schnell überholen. Auf einer langen Geraden kann ich sehen, dass mein Vorstand auf die Spitze noch weiter angewachsen ist. Mir ist klar, dass ich heute nicht mehr nach vorne kommen werde.

Fahre mein Tempo weiter, überhole Gruppe um Gruppe. Noch vor der Passhöhe beginnt es zu regnen. Erst leicht, schnell stärker. Oben am Pass erkenne ich nur dunkle Regenwolken, die auch die Berge umhüllen. Ziehe eine Windjacke drüber und fahre mit einer kleinen Gruppe hinab. In den ersten Kurven bin ich überrascht, wie vorsichtig die Leute in meiner Gruppe abfahren. Bin ich vielleicht wirklich besser im abfahren geworden oder ist meine Gruppe hier besonders langsam? Ich halte mich meist dennoch ziemlich hinten in unserer rund ein Dutzend großen Gruppe auf. Das Antreten nach den Kurven ist manchmal aber doch ganz schön anstrengend. Ein paar Mal passiert es mir, dass ich ein Loch aufreißen lasse und mich dann sehr mühen muss, um wieder an die Gruppe ranzukommen. Alle Tunnel sind heute eine Wohltat, denn in den Tunneln ist es weitgehend trocken. Ich selbst bin bereits nass bis auf die Haut, von den Füßen bis zum Oberkörper. Unangenehm. Aber wenigstens nicht eisig kalt. Kühl ist mir aber schon. Freue mich, mit meiner Gruppe die Abfahrt kurz vor Bludenz beenden zu können. In der Zwischenzeit haben uns noch zwei weitere Gruppen aufgerollt, so dass wir nun mit rund 30 Personen unterwegs sind. Auch Rüdiger Stehle, der Organisator des Spaichinger Bergrennens, ist mit dabei. Ebenso spricht mich Marius Nees an, der mich im letzten Jahr noch kurz vor der Ziellinie beim Karlsruher Turmbergrennen abgefangen hat. Ein Anderer, den ich leider nicht erkenne, der sich mir aber sehr vertraut gibt, erzählt mir von seinen langen Krankheitsleiden.

Das Tempo im Montafon ist sehr langsam. Zunehmend arbeite ich daher nun in der Führung mit. In Schruns geht die Bahnschranke runter, wir müssen warten, bis der Zug durchgefahren ist. Nach wie vor regnet es, nach wie vor ist es trüb. Leider fast Nichts zu sehen, von der herrlichen Bergwelt. Meine Beine fühlen sich nicht gut an, sie sind schwer. Liegt es an den beiden bisherigen Rennstunden? Oder an den zwei bis drei langen Trainingsrunden in dieser Woche im Schwarzwald? Oder an der Kühle? Oder ist es nur Einbildung? Irgendwie habe ich in diesem Zustand auch keine rechte Lust auf die Bergwertung über ca. 11,7km mit gut 800 Hm. Komisch, gestern hatte ich noch eine große Freude, hier hoch zu kurbeln.

Nun bin ich aber hier, da will ich mich auch nicht haengen lassen. Nehme zwei Gels und einen Riegel, die ich noch vom Marmotte-Radmarathon habe, zu mir. Hinter Partenen beginnt es nun deutlich anzusteigen. Nun ist mir meine Gruppe endgültig zu langsam, ich fahre voraus. Rund 1,5 km nach der Maustelle beginnt die Bergwertung „King of the mountain“. Ich erhöhe mein Tempo nun auf „volle Renngeschwindigkeit“. Schnell überhole ich Radfahrer, die aus den bisher noch voraus fahrenden Gruppen zurück fallen. Wie viele werden noch vor mir fahren?

Die Steigung ist nicht gleichmäßig: mal kommt es mir vor, als hätte es zweistellige Prozentwerte (bis zu 12 %?), mal wird es deutlich flacher (nur 5%?). Gerade die Kehren sind meist sehr flach. Ein spektakulärer Abschnitt mit vielen Kehren kurz hintereinander folgt. Hier ist es oft steil. Bald aber nähern wir uns dem Vermunt(stau)see. Die riesige Staumauer verschandelt für meinen Geschmack die Natur. Ganz flache und dann wieder spürbar ansteigende Abschnitte wechseln sich nun ab. Ich versuche flott zu fahren, auch in den flachen Stücken. Überhole weiterhin einige Radler. Eine größere Gruppe kann ich zwar gut erkennen, werde ich aber bis zum Gipfel nicht mehr ganz einholen. Nach 36:21 min. habe ich das Ziel an der Bergwertung oben erreicht. Was diese Zeit wert ist? Ich weiß es nicht. Mir kommt sie aber nicht so gut vor. Gestern war ich nicht einmal zwei min. langsamer und hatte mich sehr entspannt dabei gefühlt (es waren aber auch ganz andere Bedingungen). Stoppe an der Verpflegungsstation. Sehr freundlich bekomme ich meine Radflasche aufgefüllt, während ich mir zwei Brötchen schnappe. Eines davon esse ich direkt, das andere stecke ich mir in meine Trikottasche. Dann auf die Abfahrt. Kühl. Bin ganz allein. Bin mir nicht ganz schlüssig, ob für mich mit der Bergwertung der Hauptteil des Rennens nun gelaufen ist oder ob ich noch bis zum Ziel durchziehen soll. Kurz vor Galtür rollt mich ein Fahrer von hinten auf. Wir fahren zusammen. In einer kleinen Ortschaft fährt er mir aber davon, als ich wegen dem hohen Verkehrsaufkommen kurzzeitig deutlich langsamer als er fahre. Rund um Ischgl rollt mich dann eine sechsköpfige Gruppe auf. Dieser schließe ich mich an. Weitere drei Fahrer rollen wir auf den nächsten km auf, u.a. jenen, mit dem ich ein paar km gemeinsam gefahren war. Die Gruppe läuft unterschiedlich: manche haben noch viel Power und geben so viel Gas, dass ich mich sehr anstrengen muss, auch nur im Windschatten mit zu kommen. Andere fahren an der Spitze recht relaxt. Dieses unrythmische Tempo missfällt mir. Bei kleinen Gegenanstiegen muss ich zweimal beißen, um in der Gruppe drin bleiben zu können. Ich scheine zunehmend „leer“ zu sein. Bei Pians geht es auf die letzten gut 20km mit noch einmal rund 400 Hm hinauf nach St. Anton. Eigentlich lächerlich. An den ersten kleinen Anstiegen kann ich noch ganz gut mitfahren, auch nochmal (ein bisschen) Tempo machen. Von einer „Welle“ zur nächsten fällt mir dies aber zunehmend schwerer. Nun weiß ich: ich bin „leer“! Warum nur? Das Rennen geht doch noch nicht einmal vier Stunden und ich habe doch nicht zu wenig gegessen. Ich habe keinerlei Lust, mich zu quälen und beschließe, die Gruppe ziehen zu lassen. Jeder weitere (noch so kleine) Anstieg fällt mir nun schwer. Unglaublich! Fahre ganz allein. Zunächst sehe ich meine Gruppe noch ab und an, dann verliere ich sie auch komplett aus den Augen. 2 km vor St. Anton kommt plötzlich eine weitere Gruppe von hinten. Zwei Kollegen muntern mich auf „Christoph, auf gehts, komm mit“. Aber ich kann und ich will nicht mehr. Lasse sie fahren. Fahre enttäuscht ins Ziel. Trinke viel warmen Tee, esse Obst, Brötchen und Nussschnecken. Irgendwann ist mein Durst gestillt und ich satt. Bin enttäuscht. Frage mich, warum ich so schwach war. Die Gespräche im Zielbereich mit Kollegen muntern mich nur bedingt auf. Es beginnt auch wieder zu regnen, ich friere. Warte auf Christian Dengler, der auch nicht ganz zufrieden ins Ziel kommt. Ich erfahre, dass ich Vierter in der Bergwertung (18 sec. hinter dem Sieger) geworden bin – und nur 48. in der Tageswertung. Hat immerhin den Vorteil, dass wir nicht mehr zur Siegerehrung gehen brauchen und schon recht früh nach Hause fahren können. Ich denke öfters an Robert Petzold, es geht auf die letzte Stunde seines Rekordversuchs. Ob er meinen Weltrekord schon verbessert hat? Leider hören wir auch in den Sportnachrichten im Radio Nichts davon. Christian bringt mich zum Ulmer Bahnhof. Von dort komme ich in überfüllten Zügen heim. Zuhause werde ich freundlich empfangen, meine Familie erzählt mir auch, dass Robert den Weltrekord verbessert hat. Und wie: 22.622 Hm! Das ist ein Wahnsinnsrekord. Ich hatte im Hinterkopf folgenden Deal: bleibt Robert unter 22.000 Hm , versuche ich, seinen Rekord noch einmal zu verbessern. Aber diese Marke von über 22.600 Hm traue ich mir nicht zu. Ich merke, wie eines von zwei verbliebenen sportlichen Zielen (neben dem Transkontinentalrennen) so ganz plötzlich illusorisch wird. Zusammen mit meiner schwachen Leistung heute merke ich: meine lesitungssportliche Phase (und damit ein bisher bedeutender Teil meines Lebens) geht sehr schnell nun auf seine Zielgerade. Alle mich interessierenden Bergrennen bin ich gefahren, die Radmarathons sind nicht meine Welt, der Höhenmeterweltrekord ist scheinbar nicht mehr erreichbar. Da bleibt nicht mehr viel. Ein Teil von mir beginnt zu sterben. Ich wusste, dass diese Zeit kommen wird, ich hatte sie eigentlich auch schon längst erwartet – und dennoch kommt sie nun so plötzlich wie unverhofft. Es werden ein paar Tage vergehen (müssen), bis ich aus diesem kleinen Trauertal wieder heraus komme und mich zu neuen Ufern aufmachen kann.

Mehr Infos hier: www.arlberg-giro.com und v.a. http://www.petzracing.de/holzhau-24h/

Prinzipiell bin ich gemeldet, am 14.8. bei www.alpenchallengelenzerheide.ch mit zu fahren. Da ich mit Markus Spieth und Gregor Loges dort gemeinsam für www.gutesleben-fueralle.de starten möchte, werde ich wohl auch daran festhalten.