Renntag

Nach dem Frühstück fahre ich mit einem Regionalzug weiter nach Tirol. Immerhin ist es bisher im Gegensatz zu gestern heute trocken, allerdings auch um die Mittagszeit mit 15 Grad (im Tal) noch sehr frisch. Ich treffe Linse, meinen „alten“ Studienfreund. Nach der Anmeldung gehen wir warmfahren. Ich fahre noch einmal die Rennstrecke (in 23:42 min.) ab, um mir die verschiedenen Übergänge einzuprägen. Ich fühle mich gut. Unten angekommen, kurble ich noch einige flache Kilometer im Inntal.

Um 12:52 Uhr – 8 min. vor dem Start – reihe ich mich weit vorne in die Startaufstellung ein. Ich bin von den Spitzenfahrern der einzige, der Ärmlinge an hat. Das Feld ist top besetzt, ein Großteil der Cracks aus der östterreichischen und deutschen Bergfahrerszene ist hier.

Der Start erfolgt. Die ersten 200 m sind flach. 5 Fahrer vom professionellen Tirol-Team sind in Führung, sie hatten sich auch alle kurz vor dem Start über die komplette erste Startreihe verteilt aufgestellt. Dann geht es in die Steigung, das Tempo wird deutlich forciert. Ich fahre flott, aber da kann und will ich nicht mitgehen. Etliche überholen mich – eben wie immer. Weiter als Platz 20 falle ich aber nicht zurück. Spätestens nach 1 km beginne ich nun langsam zu überholen, einem nach dem anderen. Nach einem Fünftel der Strecke kommt meine erste persönliche Zeitnahme: ich bin mit 3:52 min. nur eine sec.- langsamer als im letzten Jahr, fühle mich aber lockerer. Nun wird es richtig steil, Rampen mit vielleicht 12 – 13 %. Ich sehe die Spitze, die ca. 12 – 15 sec. vor mir liegt, ich kann mich schnell auf Platz 10 vorarbeiten. Ich komme zur ersten Sprintwertung, die ich inzwischen schon als Achter in 6:50 min. passiere, 7 sec. langsamer als im letzten Jahr. Ich merke aber auch, dass ich noch nicht am Limit fahre. Nun kommt der steilste Abschnitt, an dem ich mich im letzten Jahr aufgrund von aufkommender Euphorie übernommen hatte. Ich versuche mich zu bremsen. Kann dann aber dennoch bald eine stark besetzte Dreiergruppe mit dem immer starken Bayern Wolfgang Hofmann sowie dem letztjährigen österreichischen Bergmeister, Hans Peter Leopold aus Kärnten, überholen, bin nun also schon Fünfter. Ganz vorne liegen noch drei Fahrer vom Tirol-Team, als Vierter folgt (offenbar) der deutsche Johannes Berndl, der in den beiden letzten Jahren u.a. am Großglockner jeweils auf dem Podium stand. An der zweiten Sprintwertung, die ich in 11:20 min. – und damit 10 sec. schneller und dennoch auch noch spürbar frischer als im letzten Jahr – passiere, hole ich auch Johannes ein – und überhole ihn auch schnell. Ganz vorne hat sich nun ein Tirol-Fahrer abgesetzt, den Zweit- und Drittplazierten nähere ich mich langsam, aber sicher. Tatsächlich stelle ich sie ein paar Kehren weiter oben. Einer sprintet in dem Moment weg in Richtung Rennspitze, sein Kollege aber kann mir bald nicht mehr folgen. So sind nun vorne noch die beiden Tirol-Fahrer, danach ich, dann Johannes Berndl und wieder kurz danach Wolfgang Hofmann. So geht es auf die letzten 1000 m. Ich erinnere mich kurz daran, wie ich mich da im letzten Jahr gequält hatte – und dennoch auf den letzten paar hundert Metern noch von Platz 2 auf 4 zurück fiel. Und heute kommt Johannes Berndl noch einmal stark auf, ich spüre seinen Atem im Nacken. 200 m vor dem Ziel hat er mich fast eingeholt, ich werde wohl wieder „nur“ Vierter… Ich gebe aber alles, nutze den Schwung der kurzen Flachpassage und drücke nun eine für mich große Übersetzung durch. Ich wundere mich, dass Johannes mich nicht überholt. Kurz blicke ich mich um und sehe, dass ich wieder ein kleines Loch zu Johannes reißen konnte! Ich werde Dritter werden, super. Und v.a. sogar in einer super Zeit! 20:25 min. ist sogar noch knapp unter meinem Traumziel von 20 1/2 min.! Es war ein optimales Rennen von mir, wohl nahezu perfekt eingeteilt. Gewonnen hat mit 21 sec. Vorsprung auf mich Harald Totschnig vor seinem Teamkollegen David Wöhrer. Und hinter mir kommt quasi das Who is who der Bergradfahrer der Ostalpen ins Ziel: Johannes Berndl, Wolfgang Hofmann, Hans-Jörg Leopold, Clemens Fankhauser (der vor einer Woche ein hochrangiges Rennen in Serbien gewonnen hat) und Klaus Steinkeller, der in diesem Jahr etliche stark besetzte Rennen gewinnen konnte, u.a. auch den Glocknerkönig.

Nette Gespräche bei warmem Tee und leckerem Kuchen. dann beginnt es zu regnen, Linse ich ich fahren ab. Gehen noch zur Siegerehrung. Die Veranstalter sind wieder wie schon im letzten Jahr auffallend freundlich und umgänglich. Als ein Beispiel für die besondere Aufmerksamkeit gibt es – vergleichsweise zum Kalmitlauf – hier für alle Teilnehmenden eine Flasche Rotwein. Als ich erzähle, dass ich von der pfälzischen Weinstraße komme, darf ich gleich mal kosten…

Mehr Infos unter www.kolsassberg-run.at

Nachtrag:

Als es endlich aufhört zu regen, gibt mir Linse noch den Tipp, doch mal die Hinterhorn-Mautsraße zu fahren. Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen…

Abends Treffen im gleichen Wirtshaus und mit den gleichen Leuten wie in meinem Studienjahr in Innsbruck vor inzwischen schon gut 18 Jahren.