Renntag

Am Rennmorgen nach einem typischen französischen Frühstück schreibe ich noch einen Predigtentwurf, den ich am Dienstag abgeben muss.

Mittags radeln mein Vater und ich dann zum Startgelände. Die Verständigung mit den Oraganisatoren ist aufgrund meiner geringen Französisch-Kenntnisse nicht ganz einfach. Der Name „Fuhrbach“ macht aber Vieles einfacher. Sie haben über mich schon im Internet nachgelesen. Alle sind sehr zuvorkommend. Mein Vater muss sogar gar keine Lizenz vorzeigen (Gott sei Dank, denn er besitzt gar keine).

Wir gehen warm fahren. Auf den letzten km der Abfahrt macht es ständig „klack-klack-klack“. Ich schaue, ob die Startnummer beim Fahrtwind gegen irgend etwas schlägt und diese Geräusche verursacht. Das ist aber nicht der Fall. Auch sonst finde ich während der Abfahrt Nichts. Als ich unten um 13:30 Uhr ankomme, wird gerade der erste Radfahrer auf die Reise geschickt. Dies wiederholt sich nun alle 30 sec. Ich sehe nun den Grund der unbekannten Geräusche an meinem Rad: ein spitzes dünnes, dreibeiniges kleines Metallstück mit „Kopf“ hat sich durch die Decke in den Schlauch gebohrt! Der Kopf hat bei jeder Umdrehung beim Touchieren mit dem Asphalt das entsprechende „Klack“-Geräusch verursacht. Ich zeige dieses Problem meinem Vater. Noch bevor ich etwas sagen kann, tauscht er unsere beiden vorderen Laufräder aus. Erst will er gar nicht starten, aber ich erzähle ihm, dass ich damit nun sogar ein paar km bergab gefahren bin. Also will er es auch versuchen. Er startet schon wenige min. später als 19. um 13:39 Uhr. Oben vom LKW hinunter von der Startrampe.

2 min. später starte ich als 23. in das Rennen. Fahre schnell an. Wollte die km in 2:40 – 2:45 min./km angehen. Nun sehe ich an den km-Markierungen, dass ich schneller bin: zwischen 2:30 min. und 2:40 min! Fühle mich dennoch locker, Mensch, gibt das eine tolle Zeit! Ich überhole viele Radfahrer, auch meinen Vater. Die ersten 2,3km geht es über offene Fläche, trotz Wind war ich da sehr schnell unterwegs. Anschließend geht es viel durch den Wald, also mit weniger Wind. Das lässt mich übermütig werden, so dass ich auf dem vierten km von 39-23 auf 39-21 wechsle. Dennoch fahre ich mit hoher Trittfrequenz, bis ich merke, dass es härter wird. In den Kehren ist die Straße meist steiler, wenn auch nur kurzfristig. Eine gute Möglichkeit, mal kurz aus dem Sattel zu gehen, um eine etwas andere Muskulatur zu beanspruchen. Weiterhin überhole ich viele RadfahrerInnen, wie viele sind denn überhaupt noch vor mir? Aber ich merke, dass ich langsamer werde und dass es mir zugleich schwerer fällt. Wenn nun mal der Wind kräftig von vorne bläst, muss ich schon beißen, um mein Tempo einigermaßen aufrecht zu erhalten. Auf dem vorletzten km noch einmal eine längere offene Passage, in der mir der Wind kräftig entgegen weht. Mein Traumziel von unter 25 min. werde ich trotz oder gerade wegen meines (zu) schnellen Starts bei diesen Bedingungen nicht erreichen können. Ich ziehe aber einigermaßen durch und komme nach immer noch guten 25:19 min. ins Ziel. Fahre meinem Vater entgegen und begleite ihn auf seinen letzten beiden km ins Ziel. Er fühlt sich gut, sieht locker aus und kommt sehr zufrieden nach 42 min. im Ziel an. Inzwischen hat sein Vorderrad doch deutlich Luft verloren. Damit abzufahren ist nun nicht empfehlenswert. Einer der Organisatoren nimmt meinen Vater im Auto mit ins Tal. Ich fahre mit dem Rad hinterher. Unten angekommen, werden wir gefragt, ob wir nun auch noch bei einem anderen Rennen starten. Bei welchem anderen Rennen? Ja, bei dem Gedächtnisrennen für Rene Pottier, dem Sieger bei den ersten beiden Tourüberfahrten 1905 + 1906 über den Ballon d`Alsace, für den oben auch ein Denkmal erreichtet wurde. Im Übrigen beging er nur ein halbes Jahr nach seinem Toursieg 1906 einen Suizid. Für meinen Vater ist klar, dass er mit seinem platten Vorderrad da nicht mitfahren wird. Die Organisatoren reden aber so nett und lange auf mich ein, dass ich ihnen zusage, in gut einer Stunde bei dem Gedächtnisrennen wieder mit zu fahren. In der Zwischenzeit fahren mein Vater und ich in unser Hotel nach Bussang, gut 4km nördlich vom Start. Dort esse ich ein bisschen was und lege mich aufs Bett.

Dann radle ich wieder zum Startgelände. Die Organisatoren haben mich schon erwartet. Nun haben sie jemanden (den 2. Bürgermeister von St. Maurice sur Moselle) gefunden, der Deutsch spricht und dolmetschen kann. So werde ich vor versammelter Meute direkt vor dem Start länger interviewt. So lange, dass wir erst mit 4 min. Verspätung starten können. Die ersten 3km sollten neutralisiert gefahren werden, worüber ich sehr froh bin. Denn ich merke mein Zeitfahren von vorhin noch. Habe gerade noch erfahren, dass ich das Zeitfahren mit 23 sec. Vorsprung vor einem Elsässer gewonnen habe. Der Dritte war schon fast eineinhalb min. zurück.

Nun aber schon wieder ein neues Rennen. Einige sind ganz nervös, würden am liebsten das Führungsfahrzeug überholen. Ich halte mich zurück. Nach zweieinhalb km wird das Rennen dann doch schon frei gegeben. Zwei Fahrer fahren davon. Ich wollte eigentlich kein Tempo machen, aber da niemand irgend welche Anstalten macht, etwas flotter zu fahren, bin ich schnell wieder in meiner Standardrolle als Lokomotive. Ich fahre mit leicht angezogener Handbremse. Eine große Gruppe beißt sich hinter mir fest, noch in der Mitte der Strecke dürften das rund 20 Fahrer sein! Obwohl ich die km nun auch in höchstens 3 min. fahre. Kommt mal wieder starker Wind auf, nehme ich Tempo raus, will mich da nicht quälen. Forciere erst wieder, wenn der Wind nach lässt. Keiner aus der ganzen Truppe übernimmt trotz Aufforderung von mir auch nur einen Meter Tempoarbeit. Als ich die beiden Ausreißer eingeholt habe, sprintet einen anderer mal vorbei und versucht nun seinerseits weg zu fahren. Einige hundert Meter später ist aber auch er wieder gestellt. So langsam wird die Gruppe kleiner, aber auch 1,5km vor dem Ziel mitten auf der offenen Fläche sind wir noch 5 Fahrer. Kurz vor dem Schild, das den finalen km anzeigt, zieht einer mächtig davon. Zwei folgen ihm. Mist, wieder werde ich von diesen Radfahrern düpiert. Erst „lutschen“ sie die ganze Zeit und dann fahren sie einfach weg. Aber ganz so schnell gebe ich nicht auf. Der Vorsprung der Drei wächst nicht mehr. Den Dritten fahre ich dann bald auf, überhole ihn und hänge ihn gar ab. Auch der Zweite kommt näher, auch ihn kann ich überholen. Er bleibt aber am Hinterrad. Kann ich vielleicht sogar den Führenden noch einmal einholen? Bald merke ich, dass mir die Power dazu fehlt. Vermutlich habe ich auch keine Chance auf Platz 2, denn mein Konkurrent sieht sehr jung aus. Ich versuche das Tempo noch einmal zu verschärfen, der junge Holländer schnauft tief, bleibt aber dran, um mir dann im Gegenzug mit einem unwiderstehlichen Antritt davon zu fahren. Das war es, werde mit 12 sec. Abstand auf den Sieger Dritter im Massenstartrennen.

Auf der Abfahrt beginnt es zu regnen, auf dem letzten km leider noch in Strömen. Völlig durchnässt sind wir dann auf der Siegerehrung. Wieder sprechen mich verschiedene Menschen interessiert an. Auf der Bühne werde ich erneut interviewt. Die Organisatoren meinen es wirklich gut mit mir.