Sonntagsgedanken

Liebe (Radsport-)KollegInnen,

will Euch gerne noch eine Situation von gestern schildern, die mich nachdenklich gemacht hat bzw. die bereits in Gang Gesetztes in mir verstärkt hat: kurz nachdem ich gestern im Ziel war, kam der Dopingkontrolleur auf mich zu. Mir war klar, dass ich viel trinken muss. Nur wenige Meter von mir entfernt war ein wunderbarer Verpflegungsstand mit Getränken aufgebaut. Ich ging hin und fragte, ob ich mir eine Flasche Apfelsaftschorle nehmen dürfe. Ich bekam die Antwort, dass dies 2 € kosten würde. Mein Geld war aber „unten“, 8 km und 700 Hm entfernt (im Rucksack im Gebüsch). Ich hatte keine Preisschilder am Stand erkannt und dachte, dass es sich um die SportlerInnenverpflegung handelte (die im Ziel üblich ist). Mir wurde langsam klar, dass es wohl ein Stand in erster Linie für die Zuschauenden ist. Ich war irritiert und entschuldigte mich, dass ich davon ausging, dass es kostenfrei (für die SportlerInnen) ist. Plötzlich fragte mich die Frau (nachdem ihr Kollege sie darauf hinwies?), ob ich der Sieger sei. Ich bestätigte. Ja, dann soll ich die Flasche doch nehmen. Ich sagte noch, dass ich nicht anders als Andere behandelt werden möchte. Sie und ihr Kollege drängten mich aber derart, dass ich die Flasche (auch dankend und dankbar – zum einen hatte ich Durst, zum Anderen musste ich wegen der Dopingkontrolle trinken) nahm. Sie machten dann auch noch Fotos mit mir. Und eigentlich war es dann noch sehr nett. Ich wurde dann sogar zum Kuchen essen eingeladen, musste aber zur schon begonnenen Siegerehrung.

Mich beschäftigt diese (sehr weit verbreitete) Denke. Nur weil ich jetzt schneller als Andere Rad gefahren bin, soll ich das Getränk kostenfei nehmen – ein Anderer, der/die es vielleicht viel nötiger bräuchte (z.B. nach langer Wanderung ausgetrocknet) bekäme es nicht. Warum wird Leistung als so wichtig erachtet? Warum öffnet eine sportliche Leistung so viele Türen und werden gleichzeitig andere Dinge nicht beachtet (obwohl sie viel wichtiger wären)?

Ich habe mich in letzter Zeit geweigert, bei Siegerehrungen das Podest zu betreten. Ich will versuchen, mich nicht über Andere zu stellen. Gestern war das nicht möglich. BDR-Offizielle haben mich auf das Podest „gedrängt“. Immerhin konnte ich dann den Zweit- und Drittplazierten dann auch auf die oberste Stufe raufholen.

Vielleicht bin ich inkonsequent, ja bestimmt bin ich es. Ich hätte gerne, dass die Bedeutung von Leistung (stark) abnimmt – und gleichzeitig betreibe ich nun seit rund einem Vierteljahrhundert Leistungssport. In den letzten 10 Jahren zwar, um damit auf andere, viel wichtigere, Dinge aufmerksam zu machen. Aber versuche ich damit nicht den Teufel mit dem Beelzebul auszutreiben?

Bergrennen passen zu mir vielleicht doch. Ich wollte schon immer (schon als kleiner Junge) den Berg hoch – und schon immer gerne (für mich individuell) schnell. Das mache ich nun – und es reizt mich tatsächlich nach wie vor.

Dennoch werde ich mir verstärkt die Frage stellen müssen, wie Leistungssport zu mir und meinem sonstigen Leben passt – oder eben nicht (ökologischer Fußabdruck, Zeiteinsatz, Fokusierung auf eine völlige Nebensächlichkeit etc.).

Prinzipiell scheint mir unsere Leistungsgesellschaft krank. Wer Leistung bringt, wird (sofern die Leistung als solche anerkannt wird) hofiert. Wer keine Leistung bringt, fällt häufig hinten runter. Die Spirale des „immer mehr, immer schneller, immer effizienter, immer ökonomischer“ bringt immer mehr Menschen in Depression, setzt sie unter massiven Druck – und lässt viele Menschen (z.B. überfordert) zurück. Da sie aber keine Leistung (mehr) bringen, braucht sich unsere Gesellschaft um diese (abgehängten) Menschen aber auch kaum mehr zu kümmern.

Im Leistungssport das Gleiche: die SiegerInnen (die im Übrigen vielleicht nicht einmal eine so große Leistung vollbracht haben als Andere, die aus welchen Gründen auch immer eben deutlich stärker limitiert sind) werden hofiert. Viele wollen mit ihnen sprechen, mit ihnen in Kontakt sein. Für diejenigen, die verlieren, interessiert sich kaum jemand (außer sie haben eine tragische Geschichte bei zu steuern).

Dieses ständige Wettrennen miteinander und untereinander überfordert (viele) Einzelne und überfordert auch weite Gesellschaftsschichten. Es trägt mit seinem Zwang zu immer mehr (z.B. beim ökonomischen Wachstum) auch zum Überschreiten unserer planetarischen Grenzen bei.

Viele Menschen haben kaum mehr Zeit, sind ständig gestresst, viele leiden unter „burn-out“, viele haben offenbar den Bezug zur Natur, zu einem „inneren Gleichgewicht“ verloren – obwohl das doch m.E. die essentiellen Punkte für ein gutes Leben zu sein scheinen. Oder?
Wie können wir diese Grundkonstanten wieder lernen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar – heißt es gleich zu Beginn unseres Grundgesetztes. Die Würde des Menschen und auch ein „gutes Leben“ hat aber nichts mit Leistung zu tun.

Wie schaffe ich, wie schaffen wir Menschen ein (m.E. not-wendendes) Umdenken (und dann auch anderes Handeln) in dieser Sache?

Letztlich steht hinter diesen Gedanken die Frage: wie sollen, wie können wir leben, dass es uns und allen dabei gut geht, gut gehen kann? Was brauchen wir dazu und was nicht?

Ich grüße Euch heute nicht nur herzlich, sondern auch nachdenklich,
Christoph