Start in Geraadsbergen (Belgien)

Vor vier Jahren zum ersten Mal vom Transcontinental-Rennen gelesen. War gleich fasziniert. Weil aufwendige Unterstützung von außen bei dem Rennen verboten ist. Weil die Idee, mit eingener Muskelkraft einmal quer durch meinen Heimatkontinent zu radeln, mich anspricht. Weil wenig vorgegeben wird. Weil es nonstop geht, jede(r) sich selbst seine Pausen einteilen kann. Weil es auch Abenteuer verspricht.

Zur fünften Auflage will ich nun tatsächlich starten. Nach einer sehr ausführlichen Bewerbung schon vor einem dreiviertel Jahr. Wie groß war meine Freude, als ich an Weihnachten erfuhr, dass ich einer der 300 Erwählten von den 1000 BewerberInnen war! Und das, obwohl ich keine Langstreckenrennerfahrung habe: mein längstes Radrennen bisher ging über 225km, beim Ötztal-Radmarathon. Immerhin bin ich schon zweimal 24 Stunden (fast) am Stück gefahren, bei meinen Höhenmeterrekordversuchen 2009 (488,75km mit 17.630 Hm) an der Kalmit und 2010 (421km mit 21.086 Hm) in Wyhlen.

Habe in diesem Jahr nicht wesentlich anders trainiert als sonst. Immer noch relativ viel an meinem Hausberg, der Kalmit. Aber zu etlichen beruflichen Terminen bin ich mit dem Rad gefahren. Ab und an auch mal eine längere Tour in der Pfalz oder ins Elsass. Zudem habe ich drei längere Vorbereitungstouren gemacht, zuletzt einmal fast sechs Tage am Stück. Gut 300km/Tag schien dabei kein Problem zu sein. Bin daher optimistisch, mein Traumziel zu erreichen, unter 10 Tagen die rund 4000km radeln zu können. Gehe mit über 14.300 Km im letzten halben Jahr (seit 2.2.) an den Start.

Die letzten Tage waren stressig. Zum einen kam die Kooperation mit Renovabis plötzlich noch richtig in Fahrt, zum Anderen musste ich – mit Hilfe von zwei Freunden – noch meine Route vom Start bis zum Ziel versuchen zu fixieren. Mit der Navigation hatte ich schon im Vorfeld große Probleme. Als ich es im Juni bei der zweiten Testtour mit einem geliehenen Smartphone versuchte, musste ich erfahren, dass ein Smartphone unglaublich viel Strom frisst, den mein Nabendynamo nicht in ausreichendem Maß produzieren kann, v.a. in den Nachtstunden, wenn ich zusätzlich noch meine Lichter mit Strom versorgen muss. Zudem sind die Smartphones sehr hitzeempfindlich und stellen sich an heißen Tagen in der prallen Sonne von selbst ab. Also besorgte ich mir wenige Wochen vor dem Rennen ein Navigationsgerät der Firma Garmin. Diese Geräte sind für völlige Neulinge wie mich aber sehr schwer zu bedienen. Sehr komplex, nur wenig bedienungsfreundlich. Offenbar auch nur schwer auf große Straßen ein zu stellen.
Nun sitze ich im Zug. Bis Homburg/Saar. Dort treffe ich meine Eltern, die mit mir zum Start nach Geraadsbergen – ca. 50km westlich von Brüssel – fahren. Am frühen Nachmittag kommen wir am Startort an. Der große Saal eines Jugendzentrums, in dem die Anmeldung abgewickelt werden muss, ist voll. Voll mit RadfahrerInnen, mit Rädern. Alle Räder haben ein paar Taschen am Rad, in denen die RadfahrerInnen ihr Gepäck transportieren. Meist sehr wenig Gepäck. Wer macht schon mit so wenig Gepäck zwei, drei Wochen Urlaub? Auch ich habe nur etwa 3 kg Gepäck dabei: Ersatztrikot und -hose, 1 T-shirt und kurze Hose für An- und Abreise sowie für nachts, ein paar wenige Dinge für Radpflege bzw. – reparatur und ungefähr genauso viel für die Körperpflege. Dazu Reisepass, Geldbeutel v.a. mit Bargeld und EC-Karte. Als ungewöhnliches Gepäckstück habe ich die Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus dabei, in der er die dramatischen Veränderungen auf unserem Planeten und die vielen ungerechten Lebensbedingungen für Menschen im globalen Süden in Zusammenhang mit unserem Lebensstil bringt. Diese Enzyklika, die selbst weltliche Umweltschutzorganisationen in höchsten Tönen loben, will ich auf der Heimfahrt von Griechenland endlich in Ruhe am Stück lesen. Dazu kommt noch Trinkwasser in meinen beiden Radflaschen und Lebensmittel, die ich natürlich immer wieder werde nachfüllen müssen.
Die hiesigen RadfahrerInnen wirken anders auf mich als jene, die ich von kurzen Radrennen kenne. Eher alternative, gestandene Typen. Wenig Show, mehr Ernsthaftigkeit. Sehr international. Aus vielen Ländern Europas, aber deutlich auch darüber hinaus. Viele Sprachen. Gewusel. Manche liegen in einer Art leichtem Schlafsack irgendwo am Rande der Halle – und ruhen oder schlafen. Ich muss mich noch anmelden. Und Geld nach zahlen. Und mein Rad sicherheitstechnisch überprüfen lassen. Alle Leute von der Orga, die ich treffe, sind sehr freundlich und stark engagiert. Viele davon sind Freiwillige. Meist auch RadfahrerInnen. Und IdealistInnen. Niemand verdient finanziell etwas an diesem Engagement. Beeindruckend.
Dann die FahrerInnenbesprechung. Da auf Englisch, verstehe ich bei weitem nicht alles. Aber das Wesentliche (hoffentlich!) schon. Es wird besonders viel Wert auf Sicherheit gelegt, daher wurden nun ein paar stark befahrene Straßen für uns sozusagen gesperrt. Leider werden die Straßen nur mit ihren Nummern genannt, nicht auf einer Landkarte angezeigt. Ich weiß von daher nicht immer genau, um welche Straßen es sich handelt. Ein Video mit dem vor knapp vier Monaten mit einem Auto zusammen gestoßenen und dabei tödlich verunglückten Organisator des Rennens, Mike Hall, wird gezeigt. Auch wenn ich Mike nicht mehr wirklich persönlich kennen lernen konnte, wird mir deutlich, dass er eine Art Übervater in der Szene war – und irgendwie noch ist. Er war ja auch nicht nur Organisator, er war auch selbst einer der besten Langstreckenfahrer überhaupt, hatte viele Rennen gewonnen – und Rekorde aufgestellt. 4 FreundInnen von ihm haben das TCRNo.5 nun ihm zu Ehren organisiert. Alle Teilnehmenden sind diesen Personen sehr dankbar.

Draußen ist es Abend geworden. Noch drei Stunden bis zum Start. Gehe mit meinen Eltern Abend essen. Alle Restaurants in der Nähe sind mit RadfahrerInnen überfüllt. In einer Pizzeria finden wir im kühlen Außenbereich noch ein paar Plätze. Es regnet leicht. Ein Team aus Sachsen gesellt sich zu uns. Die Bedienung ist überfordert. Es dauert sehr lange, bis wir etwas zu essen bekommen. Die Pizza schmeckt. Habe aber noch Appetit. Vor allem mit Blick darauf, dass ich bis zum Frühstück durchfahren will, esse ich noch ein Tiramisu. Ziehe mich im Restaurant um und eile zum um 22 Uhr erfolgenden Start. Treffe 2min. davor ein. Nicht so viele Zuschauende, wie ich dachte. Es dämmert. Einige am Straßenrand haben Fackeln. Start. Wir fahren allerdings noch eine Art Ehrenrunde durch den Ort. Sehr langsam, vielleicht 3km (10 min) lang. Dann wird das Rennen endlich frei gegeben. Kann meine Eltern noch einmal kurz grüßen, sie werden nun die Schwester meines Vaters und deren Familie besuchen – nur rund 50km von hier entfernt. Hinauf zur Muur de Geraadsbergen. Rund 1km, auf Kopfsteinpflaster. Ein paar vorne fahren sehr schnell, ich halte mich zurück. An den steilen Stücken viele ZuschauerInnen, tolle Atmosphäre, ich winke ihnen und heize ihnen weiter ein. Oben an der Kapelle kehre ich mich kurz in mich, wie wird es nun die nächsten 4000km laufen? Nach der Kapelle ist freie Routenwahl. Erst am Schloss Lichtenstein mindestens 550km von hier werden wir uns wieder treffen. Bis dahin kann nun jede(r) fahren, wie sie oder er will. An der Kapelle gehen nun auch Straßen in alle Himmelsrichtungen. Tatsächlich werden auch alle Straßen benutzt. Ich bin irritiert von meiner Navigation. Habe schon wieder verlernt, sie zu lesen, da ich sie schon fast drei Wochen nicht mehr benutzt hatte (was ziemlich dumm von mir war, wie ich jetzt merke). Fahre deshalb dorthin, wo die Meisten hinfahren – sonst nicht unbedingt meine Art. Bin mitten in der Meute. Soweit ich voraus und nach hinten schauen kann, sehe ich Lichter von anderen TCR-Teilnehmenden. Viele rote Leuchten vor mir. Schon jetzt wenige Autos. Alle Autofahrenden fahren sehr vorsichtig. Ab und an biegen TCR-Fahrer ab, ab und an kommen Manche auf unsere Straße wieder zurück. In einer Kleinstadt fahre ich einen Schlenker, finde aber schnell wieder auf die Route retour. Kurz vor Mons aber nach knapp 50km wähle ich eine falsche Straße, die mich bald ganz weit weg von meiner Route führt. Hatte die Navigation offenbar falsch gelesen. Muss stoppen und ein neues Ziel eingeben. So komme ich mit einem langem Umweg (von ca. 20km) wieder auf meine geplante Route retour.